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Low-Code-Development-Plattformen trotz Spartentrennung

Ein Artikel von Alexey Shmelkin ist Management Consultant adesso | 21.11.2022 - 14:35

„Es wäre doch so viel einfacher, wenn es die Spartentrennung nicht gäbe“ – denken sicher viele Mitarbeitende in der IT-Abteilung bei Versicherungen. In der Tat müssen laut Gesetz (§8 Abs. 4 S.1 VAG.) Erstversicherer ihre Tätigkeiten in unabhängige und getrennte Gesellschaften (wie zum Beispiel in Schadensversicherung und Lebensversicherung) aufteilen. Der Datenaustausch zwischen diesen Gesellschaften ist hierbei streng reguliert (sog. Spartentrennung). Für den Einsatz von Low-Code-Plattformen stellt dies jedoch kein No-Go-Kriterium dar. Ganz im Gegentei:l Barrieren lassen sich sehr gut mit modernen LCDPs meistern. 

Viele LCDPs haben eine multimandantenfähige Infrastruktur.

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Low-Code Architektur (Quelle: adesso SE)

Viele LCDPs haben eine multimandantenfähige Infrastruktur. In anderen Worten unterstützt eine Plattform mehrere physisch voneinander getrennte Installationen, die nachweislich keine Daten untereinander austauschen. Jede einzelne Installation (als Mandant bezeichnet) besitzt eigene Datenbanken und verbindet sich exklusiv mit der Infrastruktur der jeweiligen Gesellschaft. In der Abbildung auf der linken Seite wird beispielhaft der Mandant für die Sparte Schaden abgebildet. Wie dargestellt werden darin einige Applikationen entwickelt. In der Sparte werden viele Applikationen entwickelt, die nur mit den Daten der Sparte arbeiten. Sehr viele Prozesse gehen dabei nicht außerhalb der Sparteninfrastruktur.

Welchen Vorteil bringt an dieser Stelle Low-Code? Neben allen bekannten Vorteilen wie zum Beispiel Standardisierung, Transparenz, Geschwindigkeit und Dokumentation, werden auch einzelne wiederverwendbare Artefakte innerhalb der Sparte entwickelt. Diese Artefakte oder Bausteine können durch Low-Code Standardisierung in einem internen Marketplace allen Sparten zur Verfügung gestellt werden. Diese einheitlichen Bausteine umfassen nicht nur Prozesse, sondern auch Schnittstellen oder Elemente des User Interface. Es lässt sich somit ein Corporate Design (CD) leicht auf alle Teile der Gesellschaft verteilen. Dieser Vorteil entsteht fast automatisch im Vergleich zu herkömmlicher Entwicklung, bei der die Eigenschaft der Wiederverwendbarkeit meistens aufgrund höherer Kosten weniger Beachtung bekommt. 

Problem: Unerlaubte Daten

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© Gerd Altmann @Pixabay

Stellt man sich einen Prozess vor, der einerseits über die Spartengrenzen hinausläuft und andererseits keine sensiblen Daten zwischen Sparten austauschen darf. Ein Beispiel hierfür wäre der Wechsel eines Mitarbeitenden, welcher aus der Gesellschaft Schaden in die Gesellschaft Leben wechseln möchte. Es wird ein Off-Boarding-Prozess (schematisch als Prozess 2 in der Abbildung oben) in der Sparte Schadensversicherung gestartet und abgearbeitet.

Am Ende des Prozesses sollen bestimmte Mitarbeiterdaten in die Sparte Lebensversicherung übertragen werden. Wie könnte eine revisionssichere Lösung gestaltet werden, die auf der einen Seite den efferenten Austausch dieser legitimen Prozessdaten ermöglicht, jedoch auf der anderen Seite geschützte Daten konsequent zurückhält? Dafür stellt die Muttergesellschaft eine Schnittstellenlösung (API) mit entsprechenden Logging-Mechanismen zur Verfügung, die alle Transaktionen „beleuchtet“. Durch Netzwerkeinstellungen kann sichergestellt werden, dass die API-Aufrufe nur über die Schnittstellenlösung laufen dürfen.

Wenn unerlaubte Daten übertragen werden, läuten sofort die Alarmglocken und der Fall wird untersucht. Die Schnittstellenlösung, welche auch im Low-Code-Ansatz möglich ist, kann auch um Methoden der Künstlichen Intelligenz erweitert werden. Das kann dazu beitragen die Sicherheit an der Stelle zu erhöhen. Der Off-Boarding-Prozess endet innerhalb der Sparte Schadensversicherung und ruft über die API-Schnittstelle den On-Boarding-Prozess in der Sparte Lebensversicherung. Dort wird der On-Boarding-Prozess mit den Daten der Mitarbeitenden fortgeführt. Moderne LCDPs haben Out-of-the-Box-Schnittstellen, um die darin entwickelten Prozesse zu triggern. Somit lassen sich auch hier die Vorteile einer Plattform sinnvoll einsetzen.

Ein wichtiger Punkt ist der technische Austausch zwischen Sparten und der Muttergesellschaft, um Know-how aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Low-Code bietet hier die Möglichkeit Cross-funktionale Teams mit einem spezifischen Thema (z.B. CD/CI oder Systemschnittstellen) zu beauftragen. Dieses Know-how kann allen Sparten und der Muttergesellschaft einen hohen Mehrwert bringen. Auch die Potentiale von sogenannten Citizen Developern, also die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Fachabteilungen mit technischer Affinität zur Entwicklung, können damit realisiert werden. Dafür richtet man ein Center of Excellence (CoE) für Low-Code ein.

In einzelnen Sparten hat das CoE folgende Funktionen:

  • Koordination des Automatisierungsvorhabens
  • Professionelle Low-Code-Entwicklung, insbesondere von komplexeren Prozessen
  • Erstellung und Pflege von Best-Practices (Wissensdatenbank, Konventionen, Templates, etc.)
  • Verwaltung des konzernweiten Marktplatzes für digitale Apps und Komponenten
  • Coaching von Kolleginnen und Kollegen aus der Linie zu Citizen Developern

Coaching und die Beratung von Citizen Developern

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Autor: Alexey Shmelkin ist Management Consultant und seit 2022 bei adesso in der Line of Business Cross Industries tätig. Er unterstützt diverse Kunden bei der Auswahl von Low-Code Plattformen, der Implementierung eines Citizen Developer Framework und der Delivery von Low-Code Projekten. Alexey betreibt zudem einen YouTube-Kanal unter dem Namen „Low-Code Expert“.   © www.tatiborges.com

Zusätzlich zu den spartenbezogenen Low-Code CoEs bietet es sich an ein weiteres CoE in der Muttergesellschaft als zentralen Anlaufpunkt zu etablieren und dadurch einen konzernweiten Wissensaustausch zu fördern. Dieses zentrale CoE kann zusätzlich auch übergreifende Projekte betreuen und die Wiederverwendbarkeit von Lösungen fördern. Ein Marketplace wird durch alle CoEs etabliert und es wird darauf geachtet, dass so viele Bausteine wie möglich wiederverwendet werden können, um den Entwicklungsaufwand zu reduzieren.

Eine weitere Aufgabe der CoE ist das Coaching und die Beratung von Citizen Developern. Es soll als erste Anlaufstelle für bereits entwickelte Bausteine dienen. Außerdem soll sichergestellt werden, dass mit dem neuen Werkzeug Low-Code nicht durch Unwissenheit eine weitere „Schatten-IT“ entsteht. So sollten alle neuen Entwicklungen, auch von Citizen Developern, durch das CoE geprüft und freigegeben werden. Durch LCDPs werden jedoch alle darin entwickelten Applikationen sichtbar, sodass CoEs hier den Support einfach und zielgerichtet organisieren können.

Die in dem Artikel dargestellte Architektur ist nur ein mögliches Setup bei Kunden. Erfahrungsgemäß werden bei Kunden sogar mehrere LCDPs verwendet. Zwar werden nicht alle Vorteile der Wiederverwendbarkeit damit verwirklicht, dennoch können andere Vorteile des Low-Code Ansatzes einen hohen Mehrwert generieren. Durch ausgereifte Governance-Modelle in den LCDPs lassen sich so ziemlich alle regulatorischen Anforderungen umsetzen. Ein dauerhafter und effektiver Betrieb der LCDPs erfordert jedoch nicht nur die Auswahl der richtigen Technologie, sondern vielmehr müssen die Organisationstrukturen des Versicherers berücksichtigt werden.