TITELSTORY, TEIL 1

Entwicklung mit Nearshoring

Ein Artikel von Redaktion | 08.11.2022 - 07:29

Outsourcing, Offshoring, Nearshoring – geben Sie uns doch zu Anfang bitte eine kurze Begriffserklärung.

Schmuckbild Strand Digital.jpg

© adesso insurance bearbeitet

Oliver von Ameln: Nearshoring ist eine Form des Outsourcings, bei der wir aber nicht in die Ferne, wie beim Offshoring, schauen, sondern im näher gelegenen Ausland nach geeigneten Mitarbeitern suchen. Dort wo „arbeitskulturelle“ Ähnlichkeiten zu finden sind und beispielsweise die Zeitdifferenz oder sprachliche Probleme keine Hindernisse für die Zusammenarbeit darstellen. Das trifft zum Beispiel auf unsere Kollegen in der Türkei zu, aber auch für die adesso-Gesellschaften in Bulgarien und Ungarn.

Entfällt im benachbarten Ausland nicht der Lohnkostenvorteil?

Oliver von Ameln: Wenn wir über Softwareentwicklung sprechen, gibt es schon lange keine echten Billiglohnländer mehr! Außerdem haben wir bei adesso überhaupt kein Interesse daran, „billige Löhne“ für gute Arbeit zu zahlen. Der Markt für Softwareentwicklung ist ein internationaler, gekennzeichnet durch eine hohe Wechselbereitschaft, bei dem sich hochqualifizierte Menschen zu Recht gut bezahlen lassen. Die Arbeitsproduktivität, aber vor allem die Kreativität und die Verbundenheit zum Unternehmen korrelieren überall in der Welt auch mit den Gegenleistungen des Arbeitgebers. Was nix kostet, ist eben nix.

Warum setzt adesso insurance solutions dann auf Nearshoring, wenn es nicht um Kosten geht?

Oliver von Ameln: Das ist ziemlich einfach: Der Fachkräftemangel ist das Hauptargument. Wir können unseren Bedarf an Softwareentwicklern einfach nicht über unseren Heimatmarkt decken. Es ist ein Fluch des Erfolgs: Wir gewinnen immer mehr Kunden, die uns zu Recht fragen: „Könnt Ihr unser Projekt überhaupt noch stemmen?“ Das geht in Deutschland immer nur, wenn wir die besten deutschsprachigen, in diesem Versicherungsmarkt sozialisierten Spezialisten die Anforderungen aufnehmen und moderieren lassen. Diese Gruppe lässt sich aber nicht beliebig vergrößern, deshalb schauen wir nach Alternativen in der Softwareentwicklung, auch für die Integrationsprojekte.

Sie entwickeln Standardsoftware für Versicherungen. Hochkomplex und mit einem hohen Grad an Regulatorik – haben Sie da nicht Angst, die Softwareentwicklung „aus der Hand zu geben“?

Oliver von Ameln: Wir geben die Softwareentwicklung nicht aus der Hand! Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In dem konkreten Fall arbeiten wir mit IBM als Umsetzungspartner für eine adesso-Softwarelandschaft, die später als SaaS konsumiert werden soll – bei einem Versicherer in Deutschland. IBM verfügt über fähige Mitarbeiter in Tschechien. Jetzt ist es unsere Aufgabe, die dortigen Entwickler hinsichtlich der Anpassungsmöglichkeiten, Schnittstellen und nationaler Regulatorik zu schulen. Das machen wir hier in Deutschland; es ist dabei auch unsere Aufgabe, ein „Wir-Gefühl“ herzustellen und den neugewonnenen Kollegen zu vermitteln, dass sie gleichwertiger, wichtiger Teil des ganzen Teams sind.

Unternehmen, die meinen, ohne Identifikation mit dem Arbeitgeber Nearshoring zu betreiben, werden scheitern. Denn Identifikation gepaart mit einem attraktiven Lohnniveau entscheidet über die Wechselwilligkeit von Mitarbeitenden. Im Kontext des Nearshorings ist uns ein Export unserer Arbeitgeberkultur wichtig.

Landesgrenzen sind kein Hindernis in der Zusammenarbeit

Wie funktioniert die Einarbeitung und Schulung über die Ländergrenzen hinweg?

Oliver von Ameln: Landesgrenzen sind schon lange keine Hindernisse für Business und Zusammenarbeit mehr. Die Frage ist, wie Unternehmen die veränderte Schulungssituation gestalten. Eines ist klar: Ein bis dato übliches „Training on the Job“, bei dem ein erfahrener Mitarbeiter einen neuen anlernt und in Projekten an die Hand nimmt, funktioniert nicht mehr. Dazu sind die Kapazitäten zu begrenzt und schlussendlich leidet die Produktivität.

Mit unserer in|sure Academy gehen wir den Weg einer institutionalisierten und professionalisierten Ausbildung, in der wir das Spezialwissen vermitteln, welches Menschen im Geschäftsfeld IT für Versicherungen benötigen. Diese inhaltlich sowie didaktisch speziell auf Versicherungssoftware ausgelegte Ausbildung stellt sicher, dass die neugewonnen Mitarbeiter schnellstmöglich ein wesentlicher Bestandteil des Entwicklungsprozesses werden.

von Ameln, Oliver_Interview.jpg

Oliver von Ameln ist seit 2015 Geschäftsführer bei adesso insurance solutions. Er verantwortet die Bereiche Marketing und Vertrieb und verfügt über langjährige Erfahrung in der Versicherungsbranche. © Christoph Kottmann

Da stellt sich die Frage nach den Kosten – ist diese Art der Ausbildung nicht teuer?

Oliver von Ameln: Ja, es ist ein finanzieller Kraftakt und erfordert Investitionen. Aber wir haben keine Wahl. Versicherungen befinden sich an einem Punkt, an dem sie ihre IT modernisieren müssen. Innovation und Digitalisierung dürfen nicht weiter aufgeschoben werden. Und da die Mehrheit der Versicherer Standardsoftware einkaufen wird, anstatt sie selbst zu entwickeln, müssen wir jetzt alles daransetzen, diesen Bedarf zu bedienen. Dazu darf uns die Schulung und Ausbildung von Kollegen nicht „zu teuer“ sein. Im Übrigen haben wir dazu in Deutschland das Programm „Cambio“ gestartet, in dem wir Quereinsteiger innerhalb eines Jahres zu Softwareentwicklern qualifizieren. Da startet bald unser erster Ausbildungsjahrgang in die Praxis. Ich bin gespannt, wie hier unsere Erfolgsquoten aussehen, das haben wir vorher noch nie gemacht.

Sie entwickeln nicht nur Standardsoftware, sondern implementieren diese auch – werden Ihre Kunden in Kürze aus dem Ausland bedient?

Oliver von Ameln: Ganz klar: Nein! Ein Projektteam, das unsere Standardsoftware, die in den meisten Fällen individualisiert wird, einführt, besteht immer aus vielen Experten unterschiedlicher Disziplinen. So kann es von nun an natürlich sein, dass die involvierten Entwickler in Tschechien sind, die Business-Analysten aber, als erste Ansprechpartner des Kunden, in Deutschland. Denn eines ist klar: Je komplexer ein Projekt, umso höher ist der Kommunikationsanteil, bei dem mögliche Sprachbarrieren hinderlich sind. Insbesondere da, wo es um fachspezifische Prozesse und Anforderungen geht, die meist nur jemand versteht, der eine „Versicherung von innen“ kennt, dürfen wir keine Sickerstrecken riskieren. Im Übrigen bieten wir unsere in|sure-Software auch als Service an und helfen unseren Kunden dabei, den Weg „in die Cloud“ erfolgreich zu beschreiten.

Mitarbeiter im Ausland sind eine Ergänzung

Ein Blick in die Glaskugel: Wird adesso insurance solutions in Zukunft nur noch im Ausland entwickeln?

Oliver von Ameln: Wir werden dort Software entwickeln, wo es die fähigsten Entwickler gibt. Und zwar nur aus einem Grund: Wir sind bestrebt, unseren Kunden Premiumprodukte und -services zu liefern. Der Gang ins Ausland, um Mitarbeiter zu gewinnen, ist eine Ergänzung unserer personellen und wirtschaftlichen Entwicklungspläne im Heimatmarkt, in dem wir seit einigen Jahren kontinuierlich mit mindestens 20 Prozent pro Jahr profitabel wachsen. Und der ist und bleibt Deutschland. Aber wir expandieren auch international zur Erschließung neuer Märkte. So haben wir vor Kurzem eine Tochtergesellschaft in der Schweiz gegründet, und das ist ja erst der Anfang der Geschichte.

Teil 2 erscheint in Kürze.