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„Mit der Ablösung des Back-Ends nicht abwarten“

Ein Artikel von Grzegorz Obszański, Sollers Consulting | 01.08.2019 - 13:01

Eine Reihe von Versicherern erneuert ihre Kernsysteme und stellt auf Standardsoftware um. Aber nicht alle. Wie dringend ist die Erneuerung?

Gregorz Obszański: Ich würde keinem Versicherer raten, damit zu lange zu zögern. Der wichtigste Grund dafür ist das Tempo der technologischen Entwicklung. Eine Reihe von Versicherern hat sich durch die Erneuerung ihrer Back-End-IT einen Vorsprung erarbeitet. Ohne leistungsfähiges Kernsystem riskiert ein Versicherer, den Anschluss zu verlieren. InsurTechs verstärken den ­Innovationsdruck noch. 

Die einen verteufeln alte Mainframe ­Anwendungen, andere schwärmen sogar davon. Weswegen sollten Versicherer ein Kernsystem erneuern, das seit Jahrzehnten stabil läuft?

Das gravierendste Problem ist meiner ­Meinung nach die Einbindung neuer Technologien. Auf unserer internationalen Konferenz Innovation in Insurance kam heraus, wie wichtig diese Technologien für Versicherer geworden sind, vor allem Künstliche ­Intelligenz. Es gibt dafür zahlreiche Tools, die vergleichsweise leicht implementierbar sind und bereits vielfach eingesetzt werden. Doch diese Anwendungen werden bei vielen Versicherern aufgrund alter und unflexibler Legacy-Systeme meist nur unzureichend ­genutzt. Das zweite große Thema sind offene Schnittstellen. Versicherer benötigen eine Systemlandschaft, die es ihnen erlaubt, flexibel mit anderen Umgebungen zu interagieren, sei es an der Kundenschnittstelle, sei es mit Dienstleistern im Back-End.

Lohnt es sich denn, ein neues Kernsystem zu implementieren, nur um ein neues Tool zum Laufen zu bringen?

Es geht um viel mehr. Die Altsysteme ziehen eine ganze Kette an Problemen mit sich. Da denke ich zunächst einmal an die Weiterentwicklung und die Wartung. Dies betrifft die Kernanwendung oder deren Komponenten wie beispielsweise die Datenbank. Die mangelnde Unterstützung ­erhöht das operative Risiko erheblich und führt zu hohen Infrastruktur-Kosten. Wenn ein Versicherer beispielsweise seine Infrastruktur umstellen möchte, verhindert die alte Technologie eine Standardisierung und führt zu erhöhten Risiken und steigenden Kosten. Dann ist da die Personalfrage. Versicherer suchen schon jetzt händeringend nach Mitarbeitern, die über Kenntnisse in Programmiersprachen wie Cobol verfügen. Das Silo-Wissen der wenigen Mitarbeiter, die in der Lage sind, Anwendungen für die Altsysteme zu entwickeln und zu warten, stellt ein hohes unternehmerisches Risiko dar. Nicht umsonst verlangt die Bafin hierfür detaillierte Pläne. 

Aber Versicherer kommen trotz ihrer ­Altsysteme mit zahlreichen innovativen Lösungen an den Markt. 

Ja, das ist wahr und auch sehr zu begrüßen. Allerdings wäre es fatal, deswegen zu glauben, man könne die Erneuerung des Kernsystems verschieben oder darauf verzichten. Mit alten Kernsystemen ist die Einführung von echten Produktinnovationen nur bedingt realisierbar. Sie basieren auf einer ganz anderen Denkweise über Produkte und Kunden. Kunden werden im Hinblick auf digitale Services anspruchsvoller. Sie werden auf mittlere Sicht dort versichert sein, wo die Angebote flexibel auf Veränderungen ihrer Bedürfnislage ­reagieren und entsprechend angepasst werden können. Versicherer müssen in der Lage sein, mit ihren Kunden über mehrere Kanäle zu kommunizieren und Lösungen bereitzustellen. Ich habe starke Zweifel, dass solche Lösungen mit vertretbarem Aufwand in einem alten Kernsystem ­darstellbar sind.

Versicherern, die mit einer Eigenentwicklung arbeiten, wird es schwerfallen, mit den von Softwarehäusern erstellten Lösungen auf Dauer Schritt zu halten. Die Kosten für die Entwicklung weiterer Funktionalitäten stehen in keinem ­Verhältnis zu den Lizenzgebühren von Standardlösungen.

Grzegorz Obszański, Sollers Consulting
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Eine Reihe von Versicherern setzt weiter auf Eigenentwicklungen... 

... ja und sie wollen so das System passgenau auf ihr Geschäftsmodell ausrichten. Damit nehmen sie aber auch Nachteile in Kauf. Ich bin überzeugt, dass es Versicherern, die mit einer Eigenentwicklung arbeiten, schwerfallen wird, mit den von Softwarehäusern erstellten Lösungen auf Dauer Schritt zu halten. Die Kosten für die Entwicklung weiterer Funktionalitäten stehen in keinem Verhältnis zu den Lizenzgebühren von Standardlösungen. Ein weiterer Aspekt ist der Zeitaufwand für die Entwicklung von Funktionalitäten. Man sollte stets im Auge behalten, wie schnell Entwicklerteams in einer Organisation agieren und reagieren können. Verzögerungen in der Bereitstellung neuer Services können ernsthafte wirtschaft­liche Folgen für das Unternehmen haben.

Worauf kommt es bei der Auswahl eines neuen Kernsystems an?

Da gibt es mehr als eine Antwort. Als erstes ist es wichtig, die strategischen Ziele des Unternehmens zu betrachten. In einem zweiten Schritt muss die IT-Architektur analysiert werden und entschieden werden, welche Komponenten ersetzt werden müssen. In einem dritten Schritt geht es darum, die auf dem Markt verfügbaren Lösungen zu vergleichen. Es sollte eine Reihe von Aspekten überprüft werden. Dazu zählen Konfigurierbarkeit, ­Modularität, Flexibilität des Produkt- und Policen-Managements, die Ausgereiftheit des Inkasso/Exkasso Managements, Unterstützung im Schadenmanagement, die Erweiterbarkeit auf andere Tochterunternehmen und Multikanal Unterstützung. Zu den weiteren Aspekten bei der Systemauswahl zählt die Anzahl der Funktionalitäten, die einfache und schnelle Implementierung, Zusammenarbeit mit unabhängigen Integratoren, Offenheit (Schnittstellen), Zuverlässigkeit & Leistung und nicht zuletzt die Benutzerfreundlichkeit.

Ein komplexer Entscheidungsprozess. Welcher Aspekt ist denn der wichtigste?

Schnelle Änderungen. Wir leben in einer sich wandelnden Umwelt. Das neue Kernsystem muss deshalb in der Lage sein, sich neuen Business-Anforderungen anzupassen. Durch Konfiguration sollte es möglich sein, neue Felder hinzuzufügen, die automatisch im Datenmodell aktualisiert und in den Kernmodulen zur Ver­fügung gestellt werden, aber auch über unterstützende Web Services in der Kommunikation mit anderen Systemen geteilt werden können. Sehr hilfreich ist auch die Unterstützung von BPM-Funktionen (Business Process Management). Dazu gehört die Möglichkeit, Workflows zu erstellen, zu verwalten und zu überprüfen, Geschäftsregeln zu bearbeiten und die Nutzerverwaltung anzupassen. 

Manche Versicherer scheuen vor der Erneuerung ihres Kernsystem zurück, weil sie die Projektrisiken fürchten. Halten Sie diese Einwände für berechtigt?

In der Tat stellt die Ablösung eines Kernsystems für jeden Versicherer eine Herausforderung dar, doch klare Priorisierung macht diese Herausforderung beherrschbar. Versicherer sollten sich nicht nur auf Zeit und Budget fokussieren. Es handelt sich bei einer Systemumstellung nicht um den bloßen Austausch technischer Komponenten. Die Umstellung verändert auch das Geschäft. Wir beobachten, dass viele Versicherer vor der Umstellung auf ein modernes Standardsystem noch zurückschrecken. Das liegt vor allem an Bedenken gegenüber dem vermeintlich hohen Aufwand. Doch bei richtiger Projektführung kann ein Versicherer in kleinen Schritten schon viele schnelle Gewinne erzielen. Nach einer gelungenen Umstellung machen die Vorteile den Aufwand der Umstellung um ein Vielfaches wett. Versicherer sollten deshalb mit der Ablösung ihrer alten Back-Ends nicht zu lange abwarten.