Titelstory

„Gute Mitarbeitende wollen Erfolg haben, keinen Kicker“

Ein Artikel von Sandra und Michael Stüve, HCD | 08.03.2022 - 11:46
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Einzigartige Arbeitswelten mit weniger Büro-, sondern mehr markenbildende Kollaborationsflächen und Kreativ-Zonen fördern Motivation, Erfolg und den Zusammenhalt der Mitarbeitenden.   © HCD

Als Henry Ford und Frederik W. Taylor Erwerbsarbeit in ihre Einzelteile zerlegt haben, haben sie Standards geschaffen. Die optimale und optimal effiziente Ausgestaltung dieser kleinen Bausteine war über 150 Jahre lang das allgemein gültige Management-Paradigma. Erst in den vergangenen Jahren hat sich die alleinige Prozessoptimierung mit zunehmender Vehemenz zur Menschenorientierung erweitert. New Work ist das Versprechen an und für die Zukunft. Doch die meisten Führungskräfte und Mit­arbeitenden sind darauf längst nicht vorbereitet. Möglichst viele Menschen auf möglichst kleiner Fläche unterzubringen ist die vorherrschende Denke – hier unterscheidet sich die großzügige Gestaltung der für den Kunden ­offenen Bankfiliale immer noch von den auf maximale Flächenwirtschaftlichkeit getrimmten Backoffices in Bank oder Versicherung.

Aktuelle Studien zeigen aber, dass sich die Arbeitswelt wandelt: Spätestens nach der Pandemie wird Arbeit anders sein als zuvor. Über 70 Prozent der Beschäftigten wollen nicht mehr nur „im Büro“ arbeiten. Viele ­haben erfahren, dass Arbeitserfolg auch ohne lange Pendelwege, ohne die Arbeit in der Unternehmenszentrale möglich ist. Dennoch sehnen sie sich nach persönlichem Austausch, nach Nähe und persönlicher Führung. Flächen aufzugeben, Bürostandorte zu verkleinern war ein kurzfristiger Reflex in vielen Unternehmen, der Immobilienmarkt Anfang 2022 zeigt aber, dass dies nur eine kurzfristige Reaktion war. Büros und Bürostandorte werden auch in der Zukunft gebraucht. Doch neben die Zentralen treten kleine Satelliten-Standorte in Wohnortnähe – mit vielen Vorteilen für die Beschäftigten. Der Weg zu Schule oder Kita ist kurz, langes Pendeln entfällt und dennoch ist Raum für kreatives Arbeiten, für Austausch und Zusammenarbeit vorhanden. Denn genau da muss das Homeoffice in der Regel passen. Das ist übrigens eine zweite Chance für so manche Bank­filiale in der Fläche, die längst für den Kundenverkehr aufgegeben wurde.

Der Kombination aus drei verschiedenen Arbeitsorten – dem zentralen Host, dem Standort in der dezentralen Hood und dem Homeoffice – gehört die Zukunft. Das ist ein Ergebnis der großen HCD Studie ReDesign Work aus dem vergangenen Jahr. Das flexible Zusammenspiel bringt die verschiedenen Interessen zusammen: Weniger Büro-, mehr marken­bildende Kollaborationsflächen in der Zentrale, (verkehrs-)günstige Standorte in direkter Nähe der Wohnorte und maximale Resilienz durch Abstand mit bester Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Homeoffice. 

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Manchmal benötigen Mitarbeitende auch Raum für vertrauliche Gespräche. Diesen können sie in offenen und doch geschlossenen Rückzugsräumen finden. © HCD

Neue Identität schaffen

Wenn die Mitarbeitenden nicht mehr tagtäglich im Unternehmen arbeiten, braucht es nicht nur smarte Lösungen für Kommunikation und IT, sondern einen neuen Zusammenhalt. Es braucht eine starke Arbeitgebermarke, ein gemeinsames, verbindendes Narrativ. Und das muss sich vom heimischen Arbeitsplatz in den eigenen vier Wänden durchziehen bis zu den Kreativ-Zonen in der Zentrale. Und dazu leistet der Kicker im Office keinen Beitrag mehr.

Notwendig ist eine einzigartige ­Arbeitgebermarke, die sich in einer Wechselbeziehung zwischen Führung, Mitarbeitenden und hybrider ­Arbeitswelt entwickelt. Sie schafft die Identität, die Flexibilität bei Arbeits­ort (und Arbeitszeit) erst möglich macht. Die Arbeitgebermarke wird zum stabilen Fundament der Arbeitsbeziehung. Was sofort einleuchtet, ist in der Praxis aber nur durch konsequentes Change-Management umzusetzen. Denn Veränderung ist ­immer die größte Herausforderung für den Menschen.

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Sandra und Michael Stüve, HCD © HCD

Das Heute transformieren

Und genau weil die Veränderung für den Menschen so fordernd ist, müssen Arbeitswelt und ihre Transfor­mation hin zu New Work vom Menschen aus gedacht und mit den Menschen gestaltet werden. Das ist der zentrale Erfolgsfaktor für die einzigartige Arbeitswelt von morgen.

Dieses Mitnehmen der Menschen muss sich im Transformationsprojekt in Handeln und nicht nur in frommen Worten niederschlagen. Verschiedene Rollen in der Organisation können verschiedene Rollen im Ver­änderungsprozess wahrnehmen. Mit­-­Kreieren, Mit-Informieren, Impulse und Ideen geben sind wichtige Facetten eines solchen Projekts. Und dabei zählen Ehrlichkeit und Transparenz. Prozesse werden gemeinsam hinterfragt und neu gestaltet. Wer liebgewonnene Gewohn­heiten aufgeben soll, wird aktiv eingebunden in die Gestaltung des Neuen. Und ein starkes Commitment der Mitarbeitenden und Führungskräfte auf das gemeinsam Verein­barte ist nötig. 

Die Planung von Arbeit und Arbeitswelt beginnt bei den Menschen und hat ein Ziel: Eine Arbeitswelt, die Sinn vermittelt und Erfolg möglich macht,  muss das Ergebnis sein. In der Praxis gilt es die verschiedenen Interessen in Workshops, World Cafés oder anderen Gruppen-Formaten zu moderieren und eine gemeinsame Ziel­vorstellung zu erarbeiten. Dass bei diversen Belegschaften diverse Interessen – repräsentiert durch Betriebsräte oder Gleichstellungsbeauftragte – berücksichtigt werden, versteht sich dabei von selbst. In dieser Phase kommt dem externen Blick auf Organisation, Interessen und die vielfältigen Möglichkeiten einer einzigartigen Arbeitswelt eine ­große Bedeutung zu. Nur der neutrale Partner schafft es, eine gemeinsame Mission zu verankern und Konsens über alle Ebenen hinweg bis zum Vorstand zu erzielen.

Das Morgen gestalten

Die Vereinbarung über und die Planung einer neuen Arbeitswelt gleicht einem neuen Gesellschaftsvertrag: Prozesse, Arbeitsweisen, Arbeitsorte und Arbeitsplätze werden neu definiert, geplant, gestaltet und gebaut. Freie Platzwahl anstatt fester Büros und die Flexibilität von Desksharing gehören – angesichts der verschiedenen Arbeitsorte von Host, Hood und Home – heute dazu. Aber die neue Arbeitswelt muss mehr bieten. 

Anpassbare Raumzuschnitte, Steuerung von Heizung und Licht per Smartphone-App individuell nach den Wünschen der jeweiligen Nutzer und ein mit Sensoren ausgestattetes, intelligentes Gebäude: Der Raum wird smarter und flexibler – und passt sich den veränderten Bedürfnissen der Nutzer in der neuen Arbeitswelt an. Mit Abstand beste Arbeitswelten sind selbstredend auch jene, die Abstand zulassen. Smarte Gebäudetechnik zahlt auf Hygiene ein, die einen neuen, größeren Stellenwert haben wird. Eine mit Abstand einzigartige Arbeitswelt hat auch keinen Platz mehr für Standardtische im Format 160x80 Zentimeter, die dicht gedrängt in Reih und Glied stehen. Die haben höchstens noch einen Platz im Museum. Das Ergebnis des beschriebenen, partizipativen Prozesses ist eine Arbeitswelt für morgen, die auf eine über­zeugende Employer Journey einzahlt. Eine Arbeitswelt, die mit Abstand einzigartig ist und zu den besten zählt.