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Wie sollten IT-Plattformen der Zukunft aussehen?

Ein Artikel von Tim Glenewinkel ist Manager, Tim Sonntag ist Managing Consultant, beide PPI AG | 14.09.2022 - 07:35

Alles auf Neu – dies scheint tatsächlich derzeit ein Prinzip in den IT-Managementetagen der Versicherungsunternehmen zu sein. Schließlich planen 80 Prozent der Assekuranzen im Bereich Sach-, Haftpflicht-, Unfall- und Kfz-Versicherungen (SHUK) in den nächsten Jahren mindestens eine Komponente ihres IT-Kernsystems zu ersetzen. Ein Viertel will gleich das komplette System ablösen. Die Gründe für diese Wechselbereitschaft sind vielfältig.

Die immer weiter voranschreitende Digitalisierung von Staat und Gesellschaft hat die Kundenansprüche deutlich steigen lassen, zugleich verändern sich die konkreten Anforderungen schneller als früher. Im Ergebnis ist die akzeptable Time-to-Market für neue Produkte deutlich abgesunken. Die Fortschritte bei modernen Trends und Technologien wie Künstlicher Intelligenz (KI) oder dem Internet of Things (IoT) eröffnen ganz neue Möglichkeiten bei der Datennutzung oder bei den Angeboten. Allerdings fehlen den IT-Landschaften der Versicherer häufig Kapazität sowie Flexibilität, um schneller zu werden und zugleich mehr Funktionen abzubilden. Nicht in Vergessenheit geraten darf der hohe Kostendruck, der bei jeder Investitionsentscheidung mitberücksichtigt sein will.

Marktübersicht für Standardsoftware

Die Konsequenz aus all diesen Faktoren ist eine deutliche Tendenz, immer mehr Systeme in die Cloud zu verlagern, oder diese as-a-Service zu betreiben und die notwendigen Kapazitäten dann einzukaufen, wenn sie benötigt werden. Software-Neuanschaffungen sind hierfür nahezu unumgänglich. Aber bieten die Hersteller von Standardsoftware auch die notwendigen Funktionalitäten? Dieser Frage hat sich bereits zum vierten Mal das Hamburger Beratungs- und Softwarehaus PPI AG angenommen und in der Studie „SHUK 4.0 – Neue Trends im Standardsoftwaremarkt“ beantwortet. Die Untersuchung ist Trendradar und Marktübersicht in einem.

So sind sämtliche namhaften Softwareanbieter für den Bereich Kompositversicherungen mit ihren Produkten und den enthaltenen Funktionalitäten aufgelistet. Zugleich hat eine repräsentative Auswahl deutscher Versicherungen den PPI-Versicherungsexperten darüber Auskunft gegeben, welche Anforderungen ihr künftiges IT-System erfüllen muss und welche Entwicklungen aus ihrer Sicht noch folgen können.

Angebot deutlich verbessert

In jedem Fall hat sich der Softwaremarkt seit der 2018 erstellten Vorauflage deutlich weiterentwickelt. Nahezu alle IT-Anbieter haben ihr Angebot in der Breite, also bei der Unterstützung relevanter Sparten und Versicherungskernprozesse, verbessert.

So ist das Marktangebot für das Gewerbekunden- und Industriegeschäft – bislang hinter dem Privatkundengeschäft klar in der zweiten Reihe – deutlich gewachsen. Aber auch in der Tiefe der Fachlichkeit hat sich einiges getan. So haben sämtliche Hersteller die Komponente Bestand weiterentwickelt, die meisten haben auch am Bereich Schaden erheblich gearbeitet. Verbesserungsbedarf ist nach wie vor bei den Komponenten für Kfz sowie bei Elementen für die Kumul- und Großschädenbearbeitung erkennbar.

Frei konfigurierbar und Servicefreundlich

Für die Versicherungsunternehmen wichtig ist eine möglichst freie Konfigurierbarkeit sowohl der Produktebene als auch der Benutzeroberflächen. Denn letztlich lassen sich nur so die notwendigen kurzen Zeiten bis zur Marktreife neuer Angebote realisieren, die vonseiten der Versicherungskunden inzwischen gewünscht sind. Auch der Ausbau von Self-Service-Funktionen für Kunden, der Cloud-Betrieb und die einfache Anbindung beliebiger externer Datenquellen stehen auf den Anforderungslisten der Assekuranzen.

Gerade letzteres passt zu den absehbaren Zukunftstrends, die Auswirkungen auf den Funktionsumfang der Software haben werden. So wird das Nutzenpotenzial von KI-Anwendungen sehr hoch bewertet: Über 80 Prozent der Studienteilnehmer sehen hier Möglichkeiten in der Analyse von Kundendaten und für die Verbesserung der Risikoanalyse. Auch erwarten die Versicherer eine steigende Bedeutung von Marketplaces beziehungsweise Plattformen als Vertriebsmodell. Neben verbesserten Absatzchancen erwarten die Assekuranzen durch die stärkere Integration von Nicht-Versicherungsleistungen und InsurTechs positive Auswirkungen auf ihr Business.

Cloud-ready und einfach anzupassen

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Tim Glenewinkel ist Manager bei PPI AG.

Die Anbieterseite hat diese Wünsche weitgehend bereits aufgegriffen. So rechnen die Hersteller damit, dass immer häufiger Versicherungen ihre IT oder Teile davon in die Cloud verlagern und haben ihre Programme entsprechend ausgerichtet. Zur Förderung des Multichannel-Vertriebs entwickeln viele Softwarehäuser derzeit Portallösungen, sofern nicht ohnehin bereits vorhanden. Den von den Versicherungen gewollten einfacheren Konfigurationsmöglichkeiten begegnen die Anbieter teilweise bereits mit per Low-Code- oder sogar No-Code-Funktionalitäten. Generell arbeiten alle Unternehmen an einem Ausbau der automatisierten Verarbeitung von Geschäftsvorfällen insgesamt, einige treiben die Einbettung moderner Datenanalysemethoden in operationelle Workflows weiter voran.

Geringe Angebotslücke

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Tim Sonntag ist Managing Consultant, bei PPI AG

Treiber sämtlicher Entwicklungen bleibt nach wie vor der Endkunde, der 24/7-Verfügbarkeit und schlanke, papierlose Prozesse mit kurzen Reaktionszeiten verlangt. Die Hersteller entwickeln ihre Systeme in diese Richtung weiter und sind damit automatisch sehr nah am Bedarf der Versicherungsunternehmen. Sofern überhaupt noch Lücken zwischen Angebot und Bedarf bestehen, dürften diese in Zukunft noch kleiner werden – erst recht, wenn die Assekuranzen zunehmend dazu übergehen, ihre IT nicht mehr selbst, sondern in der Cloud oder as-a-Service zu betreiben.

SHUK 4.0 – Neue Trends im Markt für Stadardsoftware

Die vierte Auflage der Marktübersicht über das Softwareangebot für Sach-, Haftpflicht-, Unfall- und Kfz-Versicherungen kann über die Webseite der PPI AG bestellt werden. www.ppi.de/shuk-2022