Themenspecial

Frischzellenkur für die Systeme

Ein Artikel von red | 14.09.2022 - 09:44

Herr Kohl, die voranschreitende Digitalisierung der Gesellschaft ist ja nicht erst seit gestern Thema. Es könnte der Eindruck entstehen, die Versicherungen würden reichlich spät reagieren. Sehen Sie das genauso?

Nein, das täuscht. Die Versicherungen passen ihre Systeme seit Jahren den gewandelten Kundenansprüchen und den vielen anderen Anforderungen an, die von verschiedensten Seiten an sie gestellt werden. Dadurch sind die IT-Landschaften aber auch zu komplexen Gebilden geworden, die immer schwieriger zu verändern sind. Wer an einer Schraube dreht, muss bedenken, was er damit alles gleich mit verstellt – teilweise ist das nicht einmal im Vorhinein klar. Zugleich sind die technischen Möglichkeiten gerade in der jüngsten Vergangenheit enorm gewachsen, was den Betrieb von IT beispielsweise in der Cloud angeht. Vor Jahren hätten wir bei einem Neusystem von einem Wechsel zwischen Mainframes gesprochen, heute sprechen wir über grundlegende Veränderungen in der Gesamtarchitektur. Die Assekuranzen sehen diese Möglichkeiten und beginnen richtigerweise, diese verstärkt zu nutzen.

Vorbereitet auf künftige Entwicklungen?

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Tobias Kohl, Partner bei der PPI AG und Mitautor der Studie „SHUK 4.0 – Neue Trends im Standardsoftwaremarkt“.

Sind die Softwarehersteller auf diese Entwicklung vorbereitet?

Ja, absolut. Die Angebote sind deutlich umfangreicher geworden, die große Masse der IT-Unternehmen hat die eigenen Programme inzwischen auch so gestaltet, dass sie problemlos in der Cloud oder als Software as a Service zu betreiben sind. Um die heute notwendige kurze Time-to-Market bei Produkten zu erreichen, müssen neue Konfigurationen möglichst schnell und unkompliziert möglich sein. Auch hier haben die Programmierer intensiv gearbeitet und in vielen Fällen große Fortschritte gemacht.

Dann reden alle über die stärkere Nutzung von Bestandsdaten und die Einbindung von KI-Funktionalitäten – beides längst kein Problem mehr, viele Angebote sind in der Hinsicht gut aufgestellt. Insgesamt haben wir bei der Erstellung der Studie eine erfreulich große Schnittmenge aus den Forderungen der Assekuranzen und den neuen oder zumindest in Arbeit befindlichen Funktionen auf der Softwareseite festgestellt.

Rat für die Zukunft

Was würden Sie einer Versicherung raten, die derzeit darüber nachdenkt, ihre Systeme zu erneuern?

Wenn nicht jetzt, wann dann? Die technologischen Möglichkeiten, die eigene IT-Landschaft auf Jahre hinaus flexibel, zukunftsfest und zugleich kostengünstiger als bisher aufzustellen, waren noch nie so gut wie heute. Und das Angebot auf dem Softwaremarkt ist vorhanden. Allerdings würde ich auch nicht gleich losstürmen und das augenscheinlich Beste beschaffen. Nicht jedes System passt zu jeder Versicherung. Es ergibt wenig Sinn, Funktionalitäten einzukaufen, die ich aktuell nicht, aber vielleicht irgendwann mal ganz eventuell benötigen kann.

Wie jede wirklich tiefgreifende Veränderung muss auch diese mit gründlichen strategischen Überlegungen beginnen: Wo steht unser Unternehmen in zehn oder zwanzig Jahren? Welche kommenden Segmente und Produkte können tatsächlich einmal interessant werden und welche nicht? Steht das fest, sollte ein strukturierter, fachkundiger und gelenkter Ausschreibungs- und Vergabeprozess folgen. Nur dann kann eine Assekuranz sicher sein, auf die richtige Software zu setzen.