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Versicherer im Rückspiegel - Telematik in der Kfz-Versicherung

Ein Artikel von Thomas Mareis, Redakteur vb Versicherungsbetriebe | 01.10.2021 - 08:00

Es ist eine seit langem bekannte Tatsache, dass bestimmte Typen von Fahrzeuglenkern häufiger an Versicherungsschäden beteiligt sind, nur leider gibt es dafür keine allgemein gültige Regel. Das jugendliche Alter des Fahrers ist kein allein gültiges Kriterium dafür, es gibt besonnene Fahrer aber auch unvorsichtige oder ungeübte. Deshalb lag es nahe, das Fahrverhalten der Fahrzeuglenker in einen so genannten Telematiktarif einfließen zu lassen, der diese Faktoren berücksichtigt. Dieser wird in erster Linie jungen Fahrern angeboten, es gibt aber auch Versicherer, die derartige Tarife älteren Fahrern anbieten. Sie sind ein attraktives Kundenbindungsinstrument und bieten Fahreinsteigern die Möglichkeit, mit einem günstigen Versicherungstarif zu starten. Das Einsparpotenzial liegt je nach Versicherer zwischen 20 und 30 Prozent.

Die Grundlage: Telematiksysteme der Fahrzeughersteller

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© Bosch

Seit einigen Jahren bieten viele Automobilhersteller technische Systeme an, die in erster Linie dazu entwickelt wurden, die Zuverlässigkeit der Fahrzeuge zu verbessern und den Fahrer vor technischen Problemen während der Fahrt zu warnen beziehungsweise zu schützen. Die Systeme nutzen die in den Datenbussen verfügbaren Daten und übermitteln sie über ein Mobilfunknetz zusammen mit den GPS-Daten zum aktuellen Standort an den Fahrzeughersteller. Auch im Nutzfahrzeugbereich oder bei Flottenbetreibern haben sich solche Systeme zum Routentracking bereits bewährt.

Mittlerweile sind die Hersteller dazu übergegangen, interessante oder relevante Informationen auch dem Fahrer zur Verfügung zu stellen. So können die Systeme den Nutzer vor Fahrtantritt auf dem Smartphone über wichtige Fahrzeugdaten informieren. Sie können das Fahrzeug in Echtzeit prüfen und melden auf Abfrage mögliche Fehler. Dazu können beispielsweise Reifendruck, Airbag, Bremsen, Antriebs- und Assistenzsysteme und bei Fahrzeugen mit elektrischen Antrieben auch die Batterie gehören. Daneben gibt es weitere Funktionen wie eCall, Reiseaufzeichnung, Stauwarnungen und Routenempfehlungen.

Neuer Ansatz: eCall

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© Bosch

Das Notrufsystem eCall ist gemäß EU-Verordnung seit dem 31. März 2018 in neu zugelassenen Fahrzeugmodellen Pflicht. Der nach EU-Vorgaben entwickelte 112 eCall ist nur eines von mehreren Systemen, die durch die EU-Verordnung legitimiert sind. Neben  dem 112 eCall gibt es weitere Systeme von privaten Anbietern, den sogenannten Third Party Service Provider (TPSP) eCalls wie etwa Bosch. TPSP eCalls bieten meist zusätzliche Mehrwerte. Genau wie der 112 eCall erfassen sie  die Informationen des gesetzlich definierten Minimaldatensatzes. Dazu zählen etwa Unfallzeitpunkt, GPS-Koordinaten des Unfallorts, Fahrzeug Identifizierungsnummer, Zeitstempel sowie eCall-Qualifier, also der Information, ob der eCall automatisch oder manuell ausgelöst wurde. Darüber hinaus übermitteln TPSP eCalls zum Beispiel auch die Anzahl der Fahrzeuginsassen.

Da das Durchschnittsalter der auf Deutschlands Straßen bewegten Fahrzeugflotte derzeit bei rund zehn Jahren liegt, kämen relativ wenige Fahrzeugeigner in den Genuss der neuen Technik. Daher werden auch Nachrüstlösungen angeboten, die dem Unfallmeldestecker der Versicherungen sehr ähnlich sind. Bosch hat beispielsweise solche Systeme auf den Markt gebracht, wie etwa einen Unfallmeldestecker für die 12-Volt-Zigarettenanzünder-Buchse mit dazugehöriger Smartphone-App. Der Stecker ist mit Sensoren ausgerüstet, die Beschleunigungen registrieren. Er erkennt auch sehr starke positive oder negative Beschleunigungen, wie sie beispielsweise bei Unfällen auftreten. Die App sendet die Daten an die Notrufzentrale der Autoversicherer und stellt eine Sprechverbindung her. Ist der Fahrer nicht erreichbar beziehungsweise ansprechbar, alarmiert der Mitarbeiter der Notrufzentrale eine Rettungsleitstelle vor Ort. Der Stecker kann aber auch über einen Knopf manuell ausgelöst werden. Wenn der Fahrer zum Beispiel einen drohenden Herzinfarkt bemerkt. Damit kann er frühzeitig den Rettungsdienst alarmieren. Mit diesen Nachrüstlösungen lässt sich ein Notrufservice abbilden, der genauso zuverlässig ist wie bei einem neuverbauten eCall-System und ebenso nur unfallrelevante Daten erhebt.

Blackbox oder Steckerlösung?

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© Allianz

Ein fest installiertes automatisches Notrufsystem wie eCall ist dem Unfallmeldestecker jedoch in einigen Aspekten überlegen. Im Gegensatz zum Unfallmeldestecker ist der eCall-Notrufdienst europaweit verfügbar und nutzt immer das am besten empfangbare Mobilfunknetz. Über Mobilfunk stellt eCall nach einem Unfall aus dem Auto heraus eine Telefonverbindung zur einheitlichen Rufnummer 112 und somit zur nächstgelegenen Rettungsleitstelle her. Zudem werden Daten aus Fahrzeug-Steuergeräten weitergegeben, etwa zur Art der Airbag-Auslösung, zur Fahrzeugposition inklusive Fahrtrichtung zum Zeitpunkt des Unfalls, zur Antriebsart des Autos und mehr. Viele der speziellen eCall-Funktionen kann ein Nachrüstsystem wie der Unfallmeldedienst bisher nicht leisten: Der automatische Unfallmeldedienst funktioniert nicht in ganz Europa, außerdem wird keine direkte Verbindung mit der 112 hergestellt, sondern zunächst die Notrufzentrale der Autoversicherer kontaktiert. Der Unfallmeldestecker kann nicht auf Fahrzeugdaten wie Sitzbelegung und Airbag-Auslösung zugreifen – und wer sein Handy gerade nicht dabei hat (oder nicht entsprechend konfiguriert hat), der hat in diesem Moment auch keine Verbindung zum Unfallmeldedienst. Der UMS der Kfz-Versicherung ist an das angegebene, versicherte Fahrzeug gebunden. Der "Vivatar drive" von Bosch kann von bis zu fünf Personen auch in verschiedenen Autos genutzt werden.

Speziallösungen der Versicherungen

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© VHV

Die einfachste Version für einen Telematik-Tarif basiert auf einer Stand-Alone-Lösung mittels App. Hier bleiben jedoch viele Parameter unberücksichtigt und können zu Fehlinterpretationen führen: So kann möglicherwiese eine Fahrt als Beifahrer oder in einem Taxi negativ in die eigene Bewertung einfließen. Auch Bahnfahrten mit der eingeschalteten App können zu Missverständnissen führen, da die App dort keine Straße findet und die Fahrt möglicherweise als „Offroad“ interpretiert.

Daneben bieten einige Versicherer einen einfacheren auf einer App basierenden Lösung, welche die Daten von einem Stick nutzt auch fest im Fahrzeug installierte Boxen an. Deren Wirtschaftlichkeit ist jedoch oft schwer zu kalkulieren, da die Kosten für den Einbau beziehungsweise die Miete bisweilen in etwa so hoch wie die möglichen Einsparungen durch den Telematik-Tarif liegen können.

HUK24 bietet beispielsweise einen Telematik-Sensor an, der innen an die Frontscheibe des Fahrzeugs geklebt wird und ebenfalls mit einer speziellen App kommuniziert. Das System der Allianz basiert auf einem so genannten DriveDot, einem kleinen Kästchen, das im Innenraum des Fahrzeugs befestigt wird. Auch dieses kommuniziert via Bluetooth mit einer App auf dem Mobiltelefon des Fahrers. Der Dongle der VHV-Versicherung wird in den Zigarettenanzünder-Anschluss gesteckt und verfügt als zusätzliches Feature über eine Benachrichtigung des Versicherungsnehmers auf sein Mobiltelefon, wenn das Fahrzeug unberechtigt bewegt werden sollte.

Es sind auch Lösungen möglich, wo ein spezieller Dongle an die OBD-Steckdose des Fahrzeugs angeschlossen wird. Diese normalerweise für die Werkstätten zur Diagnose vorgesehene Schnittstelle liefert dann ebenfalls alle für den Versicherer relevanten Daten.

Telematik-Tarife im Vergleich

Derzeit sind zwei unterschiedliche Ansätze im Einsatz, einer der die gefahrenen Kilometer (Pay-as-you-drive) auswertet und ein anderer der das Fahrverhalten (Pay-how-you-drive) beurteilen soll. Der erste ermittelt lediglich die tatsächlich zurückgelegte Fahrstrecke und bietet somit relativ wenige Sparmöglichkeiten. Bei der zweiten Variante werden mehr Daten über eine im Fahrzeug verbaute oder angeschlossene zusätzliche Hardware ermittelt, welche die für den entsprechenden Tarif benötigten Fahrzeugdaten an den Versicherer weiterleitet. Wichtig dabei ist natürlich, dass der Stecker korrekt installiert, das (eingeschaltete) Smartphone mit dabei ist und das GPS-Tracking aktiv ist. Hier herrscht bei einigen Versicherungsnehmern wie auch  Versicherern eine gewisse Unsicherheit, ob alle Daten korrekt übermittelt werden.

Die Gewichtung der ermittelten Daten ist von Versicherer zu Versicherer unterschiedlich, sie unterscheiden sich aber nicht grundlegend. Eine beispielhafte Bewertung: Das Bremsverhalten des Fahrers geht mit 30 Prozent in die Berechnung des Scores mit ein. Beschleunigung und Kurvenverhalten mit jeweils 20 Prozent und die Geschwindigkeit: 10 Prozent. Die restlichen 20 Prozent werden auf Tag, Zeit und Straßenart verteilt.

Da in modernen Fahrzeugen jedoch etliche Systeme zur Verfügung stehen, die den Fahrer in kritischen Situationen unterstützen, werden dynamische Risikobewertungsmodelle entwickelt, die beispielsweise die Verwendung und das Eingreifen von Fahrerassistenzsystemen, wie etwa den Spurhalteassistent, den Einpark- oder den Notbremsassistent, mit einbeziehen.

Zuverlässigere und einfachere Bedienbarkeit

Die bisherigen Nachrüstlösungen haben einige Schwachpunkte, die sich nur mit verbesserter Datensammel- und Übertragungstechnik beheben lassen. So beinhalten beispielsweise versehentlich (oder absichtlich) nicht getrackte Fahrten Konfliktpotenzial zwischen Versicherer und Versicherten.

Dieser Entwicklung trägt auch das unlängst vom Halbleiterhersteller NXP und dem InsurTech Moter vorgestellte System Rechnung. Die Datenaustauschplattform stellt Deep Data aus vernetzten Fahrzeugen für die Versicherungsbranche bereit. Sie ermöglicht Data-Science-Lösungen für die  Risikobewertung, Kostenmodellierung und mehr. Moter verfolgt mit seiner Analysesoftware das Ziel, die Ökosysteme der Automobil- und der Versicherungsbranche miteinander zu vernetzen. Die Datenaustauschplattform kombiniert die S32G2-Fahrzeugnetzwerkprozessoren von NXP, die fortschrittliches Edge-Computing im Fahrzeug ermöglichen und Zugriff auf fahrzeugweite Daten bieten, mit der Datenanalysesoftware von Moter. Mit der Plattform lassen sich Fahrzeugdaten für neue und verbesserte Kfz Versicherungsdienstleistungen vollständig monetarisieren.

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© Moter

Neue Kfz-Versicherungspolicen, die auf Telematikdaten basieren, haben bei einigen Versicherungsunternehmen Durchdringungsraten von bis zu 30 Prozent erreicht. Der Markt für solche Versicherungspolicen könnte voraussichtlich jährlich um etwa 27 Prozent wachsen, da Versicherungsanbieter neue datengesteuerte Versicherungsprodukte entwickeln. Der Zugang zu einem breiteren Kfz-Datenpool mit detaillierteren und genaueren Erkenntnissen erlaubt die Entwicklung von Analysetools der nächsten Generation für versicherungsmathematische Analysen, die Entwicklung neuer Mobilitätsprodukte und das Schadenmanagement.

Zwar generieren vernetzte Fahrzeuge enorme Datenmengen, von denen ein Teil für ein ausgeklügeltes Underwriting und verschiedene Geschäftsanwendungen eingesetzt werden kann. Die Nutzung durch Automobilhersteller und Versicherungsunternehmen wird aber durch einen Mangel an verfügbaren, kostengünstigen Datenverarbeitungsplattformen mit ausreichender Leistung, Sicherheit und zentralem Zugriff auf fahrzeugweite Daten stark beeinträchtigt.

Daher stellen NXP und Moter jetzt eine gemeinsame Plattform zur Verfügung, die auf die Bedürfnisse der Automobil- und Versicherungsbranche ausgerichtet ist. Die Plattform bietet Risikoalgorithmen, die Over-the-Air aktualisiert und mit den kundenspezifischen Versicherungsalgorithmen eines Versicherers oder eines Mobilitätsunternehmens kombiniert werden können. So können die Nutzer vermarktungsfähige Erkenntnisse über den Fahrer gewinnen. Die Plattform kann für die Verwendung in OEM-Fahrzeugen lizenziert werden, um den Datenaustausch mit Versicherern und Mobilitätsunternehmen zu erleichtern, die bereit sind, Insights zum Fahrverhalten zu abonnieren und dafür zu bezahlen. So können neue datengesteuerte Fahrzeugprodukte entwickelt werden, einschließlich – aber nicht beschränkt auf – nutzungsbasierte Versicherungen.

Heikles Thema Datenschutz

Alle Hersteller von Notrufsystemen müssen gewährleisten, dass diese Technologie die vollständige und dauerhafte Löschung aller Daten erlaubt. Auf diesem Wege soll verhindert werden, dass Fahrzeuge ständig verfolgbar sind. Daten werden nur dann übermittelt, wenn ein Unfall registriert oder der Notruf selbstständig ausgelöst wird. Die gesendeten Informationen erhalten nur Rettungskräfte und autorisierte Dienstleister, die beispielsweise einen Abschleppwagen organisieren.

Etwas anders verhält es sich bei Systemen, die dazu dienen, das Fahrverhalten des Fahrers also des Versicherungsnehmers zu dokumentieren. Die Versicherer sind verpflichtet und gehalten, die personenbezogenen Daten wie die Bewegungs- und Verhaltensprofile nur für ihre Versicherungszwecke zu nutzen und nicht anderweitig. Ein Ansatz, den mittlerweile viele Versicherungen praktizieren, ist das Übermitteln der anonymisierten Daten an eine Fremdfirma zur Auswertung, die dann den ermittelten Bonus-Punktewert liefert.