Transparenz bei Versicherungen durch PSD2

Ein Artikel von Michael Bünnemeyer, Senior Business Developer Versicherungen Adesso. Dirk Rudolf, FinTecSystems | 29.03.2021 - 08:30
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Autor: Dirk Rudolf ist Gründer und Geschäftsführer von FinTecSystems und gestaltet das Thema Open Finance seit fast 20 Jahren aktiv mit. Vor FinTecSystems baute der Wirtschaftsinformatiker als CIO von Sofort das Direktüberweisungsverfahren Sofort Überweisung aus.

Seit dem 14. September 2019 müssen sich alle Banken für Dritte öffnen und eigene Schnittstellen, sogenannte APIs, für regulierte Dienstleister zur Verfügung stellen, um via Konto-Login auf Zahlungsströme zugreifen zu können. Kunden sind damit nicht mehr allein auf das unmittelbare Serviceangebot ihrer Hausbank angewiesen. Sie können beispielsweise auch Apps und Services von Nichtbanken in Anspruch nehmen.

Ziele und Inhalte der PSD2 sind der Schutz des Verbrauchers und dessen Selbstbestimmung, Innovationsförderungen von digitalen Zahlungen, sowie eine Steigerung des Wettbewerbs durch die Öffnung für neue Marktteilnehmer (Start-ups, insbesondere Fin-/InsurTechs). Durch den Einsatz von PSD2 erhalten Versicherer die Chance, im vorgegebenen Rahmen, Kundinnen und Kunden und deren Einnahme- und Ausgabeverhalten besser kennenzulernen.

Die Bereitschaft die eigenen Bankdaten einem Drittanbieter zu überlassen, damit dieser davon profitiert, steigt zwar stetig an ist aber insgesamt noch gering. Die Gründe hierfür sind nachvollziehbar, zugleich überrascht jedoch die Feststellung, dass genannte Gruppen sich zugleich vermehrt über die starren und zu selten individualisierbaren Angebote in der Versicherungsbranche beschweren.

Auf Seiten der Versicherten ist ein Sprung über den eigenen Schatten erforderlich, auf der Seite der Versicherer muss wiederum höchste Sicherheit, Seriosität und Transparenz geboten werden. Zusätzlich muss neben dem zu gewinnenden Vertrauen auch eine weitere Komponente berücksichtigt werden, um den Kunden den Schritt zu erleichtern. Mehrwerte rücken in den Fokus, die Versicherte von der Freigabe von Daten im eigentlichen Moment aber auch dauerhaft von der Lösung überzeugen.

Chance PSD2 nutzen

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Autor: Michael Bünnemeyer ist Senior Business Developer Versicherungen beim IT-Dienstleister adesso. Eine seiner Aufgaben ist es, die Chancen von Richtlinien und Technologien fachlich verständlich und nachvollziehbar zu erarbeiten.

Versicherer verfügen bereits heute über einen großen Datenhaushalt, der es ermöglicht, die eigenen Bestandskunden anzusprechen und auf die Möglichkeiten von PSD2 aufmerksam zu machen. Dieser Datenhaushalt ist in der Regel starr und erhält wenig Neuinformationen, sofern diese nicht aktiv vom Versicherten bereitgestellt werden. Dies ist für den Versicherten nur attraktiv, wenn damit eine Optimierung des Schutzes einhergeht. Mehrwerte können hier helfen, regelmäßiger in den Kontakt mit dem Bestandskunden zu kommen. Der Einblick in Zahlungsströme ermöglicht dem Versicherer, regelmäßig neue Anknüpfungspunkte und somit die Grundlage für Mehrwerte zu identifizieren. Eine Unterstützung in der Steuerung der Finanzen stellt ein gutes Beispiel für solch einen „Mehrwert“ dar.

Um den zu einer Freigabe seiner Daten geneigten Kunden in seiner Entscheidung zu unterstützen, ist zusätzlich höchste Transparenz in den einzelnen Schritten erforderlich. Der Versicherte braucht vorab eine strukturierte Übersicht, auf welche Daten zugegriffen wird und was mit den Daten passiert. Weiter hilft dem Versicherten eine Möglichkeit der Differenzierung in der Datenfreigabe, zum Beispiel anhand von Kategorisierungen.

Auf diese Weise können für den Einzelnen sensible Daten ausgeklammert oder nur die Daten zur Verfügung gestellt werden, die einen entsprechenden Mehrwert liefern (wie Vertragsdaten oder Key Life Events). Der Versicherte benötigt die Option die Freigabe von Daten temporär bereitzustellen, beziehungsweise beenden zu können oder auch ein Protokoll einzufordern, aus dem die Verwendung der Daten nachvollziehbar dargestellt wird. Über allem steht eine Grundanforderung an Sicherheit, die durch PSD2 gewährleistet ist, aber auch im Freigabeprozess noch mal deutlich betont werden muss. 

Daten in Wissen verwandeln

Nicht zu vergessen ist, dass durch eine Bereitstellung der relevanten Kontoinformationen auch die Erwartungen des Versicherten an die Angebote des Versicherers steigen werden. Dies beginnt zum Beispiel mit Hinweisen zu möglichen Einzahlungen in bestehende Fonds, wenn der Kontostand überdurchschnittlich positiv ist oder fordert auch eine Reaktion des Versicherers auf sogenannte Key-Life-Events. Für den Versicherer ergeben sich durch den Zugriff auf Kontoinformationen vielseitige Möglichkeiten.

Ein Blick in die Kontoinformationen bietet einen höchst individuellen Kundenzugang an. Abbuchungen und Überweisungen lassen Situationen ermitteln, die dem Versicherer als Lebensbegleiter des Kunden die Chance gibt, im richtigen Moment ein auf die Kundensituation passendes Angebot zu machen. Von der Ausbildungsversicherung über die Familienhaftpflicht, bis hin zur privaten Krankenversicherung. Der Versicherer rückt näher an den Kunden heran. Die damit verbundenen Herausforderungen an den Versicherer stehen auf dem Prüfstand. Es ist auf Dauer zu teuer, die durch PSD2 bereitstehenden Daten ungenutzt zu lassen. Diese Daten warten darauf, in wertvolles Wissen verwandelt zu werden.

Wie schafft ein Versicherer die Grundlage, das Potenzial von PSD2 in der Versicherungsbranche für Plattformen, Portale und Apps auszuschöpfen? Hier setzen Infrastruktur-FinTechs an: Sie beziehen über APIs zu Banken Kontoinformationen, kategorisieren diese mithilfe von Machine Learning und KI-gestützter Software und stellen diese Informationen dem Versicherer in Echtzeit zur Verfügung. Infrastruktur-Anbieter gehen dabei PSD2-konform vor und sind durch die BaFin mit einer Erlaubnis versehen, als Kontoinformations- und/oder Zahlungsauslösedienst am Markt tätig zu sein. Nur regulierte Drittanbieter dürfen laut PSD2 diese Dienste erbringen.

Damit ist gewährleistet, dass nur Unternehmen, die die höchsten Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit erfüllen, diese Dienste im Auftrag des Endnutzers ausführen. Technisch gesehen ist nicht die Anbindung des Kontos die große Herausforderung, sondern die präzise automatisierte Analyse der Zahlungsströme. Das schließt beispielsweise bei den Einnahmen eine grundlegende Kategorisierung ein: Handelt es sich bei einem Geldeingang um Gehalt, Tantiemen, Honorare, Kindergeld, einmalige Bonuszahlung, Arbeitslosengeld, Dividenden et cetera?

Zielgerichtete Handlungsempfehlungen für den Versicherungskunden

Die Analyse der Zahlungsverkehrsströme – das hat sich im Finance- und Banking-Umfeld bereits gezeigt – lässt sich in jedem Prozessschritt nahtlos einbinden. Ein Praxis-Beispiel verdeutlicht den Ablauf: Der Nutzer hat in der App des Versicherers seine Zahlungskonten integriert. Um nun eine Übersicht über seine Einnahmen und Ausgaben zu erhalten, loggt sich der Nutzer mit Bankleitzahl und bekannten Login-Daten bei seiner Bank ein und stimmt den Datenschutzhinweisen zu. Anschließend wird eine Übersicht über das finanzielle Bild des Nutzers erstellt. Ergibt nun beispielsweise die Auswertung, dass der Nutzer über ein höheres Gehalt als früher verfügt, kann der Kunde mit gezielten Teaser-Texten zu einer Handlung aufgefordert werden, zum Beispiel ein Vorschlag zur Erhöhung seiner Vorsorgeaufwendungen. Die Möglichkeiten – dies zeigen die noch jungen Erfahrungen aus dem Banking Bereich – sind bei Open Finance dank PSD2 fast grenzenlos.

Neben den erforderlichen Datenanalyse-Spezialisten, bleibt die Herausforderung den Endkunden auf diesen Weg mitzunehmen und einen guten Mix aus Mehrwert, Transparenz und Sicherheit zu bieten.