Erst die Infektionswelle dann die Betrugswelle?

Ein Artikel von Dr. Marco Peisker, Teamleiter Business Consulting und Sebastian Ritzkat, Managing Consultant bei Adesso | 14.09.2020 - 12:43

Die Bundesregierung geht davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt (preisbereinigt) in 2020 um 6,3 Prozent zurückgehen wird. Die aus der Pandemie resultierende wirtschaftliche Entwicklung wirkt sich auch direkt auf die Arbeitnehmerschaft aus. Bis zu zehn Millionen Beschäftigte sind potentiell von Kurzarbeit bedroht (Bundesagentur für Arbeit). In einigen Bundesländern sind bereits mehr als ein Drittel der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer für Kurzarbeit angezeigt. Die finanzielle Situation wird sich im Laufe des Jahres wohl noch weiter verschärfen und spätestens im Herbst zu einem hohen Aufkommen von Firmen- und Privatinsolvenzen führen.

Besonders betroffen dabei sind Kleinunternehmen und Selbstständige aus der Gastronomie- und Unterhaltungsbranche, dem Einzelhandel, Messedienstleister und die Erbringer kundennaher Dienstleistungen wie Friseure oder Kosmetikstudios. Jene Unternehmen sind stark von der sinkenden Nachfrage und vorsorglichen Schließungen betroffen und hatten oftmals vor der Krise bereits Schwierigkeiten bei der Bildung von Rücklagen.

Schwierige Zeiten führen zu Versicherungsbetrug

Es ist zu befürchten, dass die finanziell schwierige Situation der Versicherungsnehmer zu einem erhöhten Betrugsaufkommen führen wird. Umsatz- und Gehaltseinbußen sollen durch unrechtmäßige Schadenzahlungen substituiert und in Schieflage geratene Unternehmen durch Versicherer indirekt subventioniert werden. Daten aus der Vergangenheit legen die Plausibilität dieser These nahe. Die Entwicklung des BIP scheint mit der Combined-Ratio in einem gewissen Maße zu korrelieren. Auffällig sind vergleichsweise hohe Schadenaufwendungen in den Jahren der durch die Finanzkrise ausgelösten Rezession.

Ähnliche Zusammenhänge wurden auch in Großbritannien und den USA erkannt, wo als Resultat der Finanzkrise ein Anstieg der ungerechtfertigten Versicherungsansprüche um 17 Prozent (Association of British Insurers) beziehungsweise 21 Prozent (Florida Division of Insurance Fraud) im Vergleich zum Vorjahr festgestellt werden konnte. Während in wirtschaftlich stabilen Zeiten häufig Gier die Ursache für planvollen und mit großer krimineller Energie durchgeführten Versicherungsbetrug darstellt (Münchener Rück 2004), scheint in wirtschaftlich schwierigen Phasen die daraus resultierende finanzielle Notlage des Versicherungsnehmers zu betrügerischen Handlungen zu führen. Bestimmte Schadenkonstellationen mit entsprechendem Dubiospotential werden in dieser Krisenzeit vermehrt auftreten:

  • Verstärkte Inanspruchnahme von Reiserücktrittsversicherungen
  • Wasserschäden
  • Verringerung des Warenbestands aufgrund von Einbrüchen
  • Verderben von gelagerten Lebensmitteln aufgrund von technischen Defekten
  • Krankheiten und Unfälle
  • Totaldiebstahl aktuell nicht verwendeter Fahrzeuge
  • Übertreibung von Kfz-Schäden

Corona – herausfordernde Zeiten bei Versicherern

Die in diesem Jahr zu erwartenden erhöhten Betrugsaufwendungen treffen eine Branche, die natürlich auch vor Corona-spezifischen Herausforderungen steht. Die verordneten Kontaktbeschränkungen wirken sich auf das Neu- und Bestandsgeschäft über alle Sparten aus. Zusätzlich sind einzelne Zweige vom Ausfall ganzer Kundensegmente betroffen. Reise- oder Veranstaltungsversicherer sind von den Corona-Maßnahmen in einem ähnlichen Ausmaß wie die Versicherungsnehmer betroffen. Die Ratingagentur Assekurata geht davon aus, dass die Corona-Krise den positiven Trend der vergangenen Jahre in der Schaden- und Unfallversicherung vorerst zum Erliegen bringen wird.

Zusätzlich sind Versicherer auch von den Auswirkungen der Pandemie auf dem Kapitalmarkt betroffen. Die Ausbreitung von COVID-19 hat weltweit zu Unsicherheit auf den Finanzmärkten geführt. Im Vergleich zu Januar 2020 ist der DAX im April um 30 Prozent eingestürzt. Die vornehmlich defensiven Anlagestrategien der deutschen Versicherer hat diese davor bewahrt, durch diese Kursrutsche stärker Schaden zu nehmen. Da Aktien nach den Renten und Beteiligungen lediglich die drittgrößte Anlageklasse darstellen, werden nach Meinung der Versicherungsforen Leipzig diese starken Kursstürze nur etwa einen Verlust von einem Prozent der gesamten Kapitalanlagen ausmachen.

Dennoch befindet sich die Assekuranz durch die Vielzahl negativer Einflüsse in einem herausfordernden Umfeld. Die sinkenden Umsatzzahlen lassen sich kaum durch eine entsprechende Kapitalmarktrendite substituieren, während mit einer Erhöhung der Schadenkosten in Form von Betrugsaufwendungen zu rechnen ist. Die Betrugsaufwendungen steigen dabei zum einen durch den externen Faktor des zu erwartenden höheren Betrugsaufkommens und zum anderen durch interne Faktoren. Im April 2020 hat die Arbeitnehmerschaft Deutschlands den höchsten Krankenstand seit über 20 Jahren aufgewiesen. Zeitgleich haben die Unternehmen aufgrund der empfohlenen Kontaktsperren verstärkt auf verteiltes Arbeiten gesetzt. Für die Schaden- und Betrugsabteilungen der Versicherer hat das oftmals eine Verringerung der verfügbaren Mitarbeiter sowie eine Verschlechterung der Schadenbearbeitung durch die räumliche Trennung jener Mitarbeiter zur Folge. Eine Abnahme von Quantität und Qualität insbesondere in der Betrugsprüfung ist als Konsequenz zu erwarten.

Die Bekämpfung von Versicherungsbetrug sollte grundsätzlich als strategisches Thema behandelt werden. Aufgrund der Rahmenbedingungen ausgelöst durch die Corona-Pandemie besteht aktuell ein verstärkter Handlungszwang. Mittelfristig ist die Digitalisierung des Betrugsbearbeitungsprozesses voranzutreiben. Software-Lösungen müssen zum Einsatz kommen, die einen performanten und durchgängigen Workflow ohne Medienbrüche ermöglichen. Im Rahmen dieses Prozesses sind KI-Systeme – regelbasiert und unter Verwendung maschinellen Lernens – einzusetzen, die durch hohe Qualität der Aussteuerergebnisse eine hochwertige Erkennung ermöglichen und dabei eine Mehrbelastung der Betrugsabwehrspezialisten durch einen zu hohen Output vermeiden.

Kampf dem Versicherungsbetrug – jetzt besonders wichtig

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KI-Systeme können helfen, Versicherungsbetrug schneller zu erkennen

Software-Lösungen müssen zum Einsatz kommen, die einen performanten und durchgängigen Workflow ohne Medienbrüche ermöglichen. Im Rahmen dieses Prozesses sind KI-Systeme – regelbasiert und unter Verwendung maschinellen Lernens – einzusetzen, die durch hohe Qualität der Aussteuerergebnisse eine hochwertige Erkennung ermöglichen und dabei eine Mehrbelastung der Betrugsabwehrspezialisten durch einen zu hohen Output vermeiden.

Weiterhin gilt es Kennzahlensysteme einzuführen, die einerseits eine quantitative Steuerung der Betrugsabwehr ermöglichen, andererseits zu einer Verkürzung der Reaktionszeiten bei plötzlich veränderten Rahmenbedingungen führen. Diese Maßnahmen können die Betrugsabwehr nachhaltig optimieren und rustikal gegenüber neuen Pandemiewellen aufstellen. Da Vorhaben dieser Art kurzfristig kaum umsetzbar sind, sollten Versicherer momentan den Schwerpunkt auf die Sensibilisierung in der Schadenbearbeitung setzen. Es muss eine Sensibilisierung hinsichtlich möglicher Reibungsverluste aufgrund des verteilten Arbeitens sowie auf die Möglichkeit der steigenden Fallzahlen bestimmter in Krisenzeiten vermehrt auftretender Betrugsmuster geschaffen werden.

Fazit

Die Versicherungswirtschaft befindet sich aufgrund der Folgen der Corona-Pandemie in herausfordernden Zeiten. Damit der Infektionswelle keine Betrugswelle folgt, sind die Versicherer angehalten sich in dieser Situation verstärkt mit der Aufdeckung und Verhinderung von Versicherungsbetrug auseinanderzusetzen. Diese Bemühungen können einerseits die Schadenkosten senken und damit zu einer gewissen wirtschaftlichen Stabilität beitragen und zum anderen der Pflicht zum Schutz der Versichertengemeinschaft nachkommen.

Die Autoren:

Dr. Marco Peisker

Als Teamleiter Business Consulting bei Adesso beschäftigt sich Dr. Marco Peisker mit den verschiedenen Aspekten der Digitalisierung in der Versicherungswirtschaft. Der studierte Wirtschaftsinformatiker und promovierte Wirtschaftswissenschaftler legt seinen persönlichen Schwerpunkt dabei insbesondere auf die Optimierung des Schaden- und Betrugsmanagements und den effektiven Einsatz künstlicher Intelligenzen.

Sebastian Ritzkat

Sebastian Ritzkat ist Manging Consultant bei Adesso und Experte in den Bereichen Schaden- und Betrugsmanagement. Nach dem Studium und mit über zehn Jahren Berufserfahrung in verschiedenen Themengebieten der Versicherungswelt, leitete er bereits zahlreiche Projekte. Als Lean Six Sigma Black Belt war er in einem Pilotprojekt auf Vorstandsebene tätig. Sebastian Ritzkat ist Mitglied im PMI Chapter Frankfurt und bei Adesso Teil der PM Peergroup.