„Wir haben es noch mit viel Stückwerk zu tun“

Ein Artikel von Andreas Huber | 18.12.2019 - 08:52

Wo sieht sich die Versicherungsbranche auf Ihrem Innovationspfad – im Tal, auf dem Weg zum Gipfel oder schon ganz oben?

Grzegorz Obszański: Die deutsche Versicherungsbranche ist seit mehr als zwanzig Jahren von einem bemerkenswerten Innovationsimpuls geprägt. Dabei hatte man bisher fast ausschließlich die Produkte im Sinn. Heute finden wir eine sehr vielfältige Produktlandschaft auf dem Versicherungsmarkt, ein krasser Gegensatz zu den Einheitsprodukten, wie sie noch bis 1993 gängig waren. Neu ist der Fokus auf techno­logische Innovation. Die Bedeutung der Technologie wurde lange unterschätzt. Doch das hat sich geändert. Auf unserer Konferenz Innovation in Insurance sehen wir, wie der Technologiefokus Jahr für Jahr an Bedeutung gewinnt. Angesichts der Möglichkeiten neuer datengetriebener Technologien sind die Versicherer allerdings noch weit entfernt von digitalen Geschäftsmodellen. InsurTech-Startups fällt es deutlich leichter, die Potenziale der Digitalisierung voll auszuschöpfen. Anders als die etablierten Versicherer müssen sie keine Altsysteme ablösen. Das Tempo der Versicherer auf dem Innovationspfad ist in der Realität sehr unterschiedlich. Manche Versicherer haben schon einen großen Teil der Wegstrecke hinter sich gelegt, andere überlegen noch, ob, wie und wann sie ­starten. 

Wie gelingt es Versicherern, die Balance zwischen Innovation und dem laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten – vor allem in Bezug auf die steigenden Compliance-Anforderungen?

Die Bafin fordert von den Versicherern größere Anstrengungen bei der Sicherstellung der IT-Sicherheit, ein Schritt, den wir sehr begrüßen. In Polen haben entsprechende Forderungen und Hilfestellungen der Aufsicht erheblich zur Modernisierung beigetragen. Zunächst sind moderne IT-Systeme nötig. Trotzdem spüren wir im Markt immer noch eine abwartende Haltung. Viele Versicherer scheuen die Kosten und den Aufwand, der für die technische Erneuerung notwendig ist. Aus unserer Projekterfahrung wissen wir aber, dass das eine wie das andere durchaus zu managen ist. Rom ist nicht an einem Tag erschaffen worden und mit technologischen Innovationen verhält es sich genauso. In unseren Projekten mit Versicherern gehen wir Schritt für Schritt produktiv, um zu testen, zu probieren und anzupassen. Den großen Big Bang reduzieren wir auf viele kleine, die wir dann mit einer fast alltäglichen Routine abarbeiten. 

Das Tempo der Versicherer auf dem ­Innovationspfad ist in der Realität sehr unterschiedlich. Manche Versicherer ­haben schon einen großen Teil der ­Wegstrecke hinter sich gelegt, andere überlegen noch, ob, wie und wann sie starten.

Grzegorz Obszański, Manager bei Sollers Consulting
go2 (2).jpg

Grzegorz Obszański © MAREK POPOWSKI

Zurück zur Innovation: Trauen sich die Versicherer an ihre Kernsysteme oder wird nur am Frontend erneuert?

Zunächst haben sich viele Versicherer ­darum bemüht, mit der einen oder anderen App etwas digitaler auszusehen. Doch ­immer mehr IT-Leiter in der Versicherungsbranche sagen, dass sie auf mittlere Sicht um die Implementierung eines modernen Kernsystems nicht herum kommen. Man sollte dabei das Kostenthema aus einem anderen, langfristigen Blickwinkel betrachten. Denn es ist fraglich, ob einem Versicherer nicht die Kosten schon recht bald aus dem Ruder geraten, wenn er mit seinen bestehenden Strukturen das Innovationstempo mitgehen will. Übrigens haben wir es auch im Frontend-Bereich noch mit viel Stückwerk zu tun. Viele Versicherer reden von Omnichannel, aber an die Silostrukturen in der IT der bestehenden Vertriebswege haben sich die wenigsten getraut. Unflexible und schwer veränderbare Systeme, das ist ein Phänomen, das wir auch auf der Vertriebsseite häufig vorfinden.