? Hr. Dr. Oevermann, Sie kennen die Finanzwelt aus langjähriger Praxis. Welche Rolle spielen SOA und BPM heute in der Versicherungs-IT?
Dr. Dirk Oevermann: SOA ist ja noch ein ganz junges Thema, und zwar viel diskutiert, aber in der Praxis noch wenig verbreitet. Business Process Management hingegen ist zumindest in der Industrie seit vielen Jahren das Mittel schlechthin zur Beschleunigung und Verschlankung von Prozessen mit entsprechend positivem Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit der Unternehmen. Mehr und mehr steigt auch in der Finanzwelt das Interesse für BPM. Diese Einschätzung bestätigt auch eine repräsentative Umfrage, welche jüngst mit Pierre Audoin Consultants in Deutschland, Österreich und Schweiz stattfand. Danach beschäftigen sich drei Viertel aller Unternehmen mit dem Thema. Und über 95 Prozent versprechen sich davon übrigens weniger Kosten und höhere Effizienz. Allerdings gewinnt BPM immer stärker auch Bedeutung für die Einkommensseite, sprich den Vertrieb.
Was den Zusammenhang zwischen SOA und BPM anbelangt, ist festzuhalten, dass BPM eine große Bedeutung für alle innovativen Technologien wie beispielweise SOA hat. Aus unserer Sicht eröffnet offenes BPM gleichsam die Zukunft für flexibel gestaltete Geschäftsprozesse. Wichtig dabei ist, dass Geschäftsprozesse der Ausgangspunkt für Unternehmen sind, um ihre Geschäftsmodelle frei zu entwickeln und serviceorientierte Architekturen mit offenen, kombinierbaren Services aufzubauen.
? Was heißt dies konkret für die IT-Entscheider?
Dr. Dirk Oevermann: Jeder, der sich in der IT-Landschaft der Versicherungen auskennt, weiß, dass dort sehr viele proprietäre Lösungen existieren. Diese Systeme sind tendenziell kostenaufwendig und starr gegenüber Neuentwicklungen. Die Tendenz geht daher eher dahin, wirklich neue und flexiblere Systeme einzuführen. Im Zentrum der aktuellen Diskussionen um SOA stehen derzeit vor allem die technischen Eigenschaften. Jeder Anbieter entwickelt eigene Plattformen. Für Versicherungsunternehmen stehen aber nicht die technischen Fragen, sondern die Nutzenfaktoren von SOA im Vordergrund. Hier geht es darum, Geschäftsideen schneller zu realisieren und abzuklären, welche Organisation und welche Prozesse dafür geeignet sind. Deshalb verfolgen wir bei IDS Scheer mit dem ARIS-Lifecycle-Modell und der ARIS-Geschäftsprozessplattform eine IT-herstellerunabhängige Strategie. Die Unternehmen sollen ihre Geschäftsprozessstrategien unabhängig von der späteren IT-Strategie festlegen, gleichzeitig aber später die betriebswirtschaftlichen Prozessmodelle zur Konfiguration der SOA-Lösungen nutzen können. Wirklich wichtig am Ende ist doch nur, dassdie Prozesskosten möglichst gering sind und damit die Produktivität und Leistungsqualität erhöhen. Wenn Sie so wollen, ist diese Sichtweise einer serviceorientierten Architektur, dass man die Prozessebene und die IT zunächst voneinander entkoppelt, aber dann wieder Mechanismen schafft, um auf geänderte Prozessanforderungen schnell und flexibel reagieren zu können.
? Das klingt alles sehr komplex. Bedarf es hier nicht im Vorfeld solcher Projekte auch entsprechender Beratung?
Dr. Dirk Oevermann: Ob Unternehmen für ihre BPM- und SOA-Projekte Beratung benötigen, hängt immer von deren eigenen Ressourcen ab. Was wir feststellen können, ist aber tatsächlich ein deutlich steigender Beratungsbedarf für diese Themen. Generell würde ich IT-Entscheidern empfehlen, jetzt nicht sofort ein komplettes Projekt anzugehen und gleichsam zum großen Schlag auszuholen. Empfehlenswert ist eher eine Strategie, in Teilbereichen Dinge herauszugreifen und dort zunächst für mehr Flexibilität zu sorgen. Auf diese Weise sammelt man Erfahrungen und Know-how. Ich persönlich erwarte für 2007 und Anfang 2008 eher noch eine geringe Marktreife bei SOA. Für 2009 hingegen sehe ich tatsächlich substanzielle Bewegungen im Markt. Allerdings wird es gerade in der Finanzwelt großer Anstrengungen bedürfen, von den gängigen proprietären Kernlösungen zu einer offenen Systemlandschaft zu gelangen. Hier bedarf es noch großer Anstrengungen, aber an der generellen Zielsetzung führt kein Weg vorbei.
? Welche Rolle kann BPM denn eigentlich bei der Schaffung von mehr Vertriebskraft spielen?
Dr. Dirk Oevermann: Um zu begreifen, was hier möglich ist, mussman auf die Erfahrungen in der Industrie zurückgreifen. In der Automobilindustrie ist es beispielsweise längst selbstverständlich, dass die Entwicklung neuer Produkte über verschiedene Zyklen hinweg vom Marketing gesteuert und getragen wird. Und das dort ausgeprägte Prozessdenken setzt sich auch fort in der Vermarktung. Ähnliches kann man sich auch inder Finanzwelt vorstellen. Für einneues Versicherungsprodukt genügt es eben nicht, eine gut gemachte Werbekampagne zu kreieren. Am Beginn aller Überlegungen steht die Frage: Was will der Kunde? Dann bedarf es einer Markteinschätzung. Und schließlich ist auch die Frage zu stellen, wie das neue Produkt optimal in diebestehende Organisation eingeschleust werden kann. Welche Fehler hier häufig gemacht werden,merkt der Kunde zum Beispiel,wenn eine Anfrage ins Leere läuft oder eine Finanzierungszusage nicht zuverlässig umgesetzt ist. Außerdem sollten Prozesse stets so gestaltet sein, dass die Vertriebsmitarbeiter sich vordringlich um den Verkauf kümmern können und nicht zu zwei Drittel mit Routinetätigkeit überlastet sind. Im Idealfall müssen Prozesse so organisiert sein, dass Vertriebsmitarbeiter gleichsam frei von Routinearbeit sind. In diesem Zusammenhang spielt Prozessoptimierung eine ganz entscheidende Rolle. Und last, but not least geht es auch um die Verzahnung der unterschiedlichen Vertriebswege wie Außendienst, Internet oder Filialen.
? Noch ein kurzer Blick in die Zukunft. Was ist für die nächsten Jahre auf diesem Feld noch zu erwarten?
Dr. Dirk Oevermann: Wie schon gesagt, steht das Thema SOA ja gerade erst am Anfang. Das Thema offene und flexible Architekturen wird uns also zunächst noch eine ganze Weile beschäftigen. Vielleicht nicht unter diesem Begriff, denn Begrifflichkeiten sind ja gerne der Mode unterworfen. Aber die Kernidee, effiziente Architekturen zu schaffen, wird die Versicherungen in den nächsten Jahren intensiv beschäftigen. Ein zweiter Punkt ist, dass IT-Anforderungen künftig stärker vom Business bestimmt sein werden. Diese Anforderungen aus dem Business müssen künftig wesentlich schneller über die Prozesse bis hin in die IT-Systeme abgedeckt werden. Bislang kann man zwar noch weitgehend die IT-Sicht in der Finanzwelt feststellen. Dies wird sich aber meiner Meinung nach mit zunehmender Wettbewerbsintensität in naher Zukunft spürbar verändern. Open BPM und Open SOA schaffen hier die Grundlage für wirkliche Flexibilität und schlanke Strukturen.
! Vielen Dank für
das Gespräch!