Das ist keine Zukunftsmusik, sondern technisch bereits möglich. Dies berichtete auf dem Messekongress „IT für Versicherungsunternehmen“ Prof. Dr. Albrecht Schmidt vom Lehrstuhl für Pervasive Computing und User Interface Engineering an der Universität Duisburg-Essen. „Die zwischenmenschliche Interaktion, die Interaktion mit Computern mit unserer Umwelt wird sich fundamental ändern. Mehr als die meisten Leute denken!“, führte er aus und sprach von einem neuen Zeitalter für die Risikoabschätzung.
Die rasante Entwicklung und steigende Komplexität der Informationstechnik birgt jedoch nicht nur Chancen, sondern auch massive Herausforderungen für IT-Verantwortliche in Versicherungsunternehmen. Der zweitägige Messekongress „IT für Versicherungsunternehmen“, eine Veranstaltung der Versicherungsforen Leipzig, stellte in diesem Sinne für die Fachcommunity die ideale Plattform dar. Prof. Dr. Volker Gruhn vom Lehrstuhl für Software Engineering an der Universität Duisburg-Essen moderierte das Vortragsprogramm. Darüber hinaus boten themenspezifische Diskussionsforen für Entwickler, Anbieter und Anwender die Möglichkeit, sich direkt über Erfahrungen mit neuen IT-Lösungen auszutauschen.
EAM nie ein stabiler Prozess
Der Druck von außen auf Anwendungslandschaften steigt stetig und wird auch in Zukunft zunehmen. „Wesentliche Herausforderung für Enterprise Architecture Management (EAM) ist daher, den grauen Nebel zu entschleiern und eine Struktur zu schaffen, die vom Menschen noch beherrschbar ist“, sagte Prof. Dr. Florian Matthes, Leiter des Lehrstuhls für Informatik an der Technischen Universität München. „Ein erfolgreiches EAM konzentriert sich dabei nur auf den Teil der Unternehmensarchitektur, der gerade schmerzt.“ Das sei nie ein stabiler Prozess, man müsse immer von Neuem die aktuelle Situation berücksichtigen. „Leider scheitert EAM meist am Spartendenken: Jeder optimiert nur seine eigenen Werte. Man muss aber über den Tellerrand schauen“, kritisierte Matthes die Mentalität in deutschen Unternehmen. In der Schweiz oder den USA sei ein siloübergreifendes Bewusstsein deutlich ausgeprägter. Der Einsatz von EAM hinge letztlich nicht von der Anzahl der Mitarbeiter, sondern von der IT-Relevanz für das laufende Geschäft ab, so Matthes weiter.
„Große Architekturprojekte sind mit hohen Anfangsinvestitionen verbunden und Entscheidungen noch vor der Umsetzung schnell überholt“, bestätigte Peter Böhm, IT-Architekt bei Barmenia Versicherungen. Er berichtete über das konkrete Vorgehen bei einem aktuellen Migrationsprojekt, bei dem eine Komplettmodernisierung der gesetzten IT-Landschaft durchgeführt wird. Böhm sprach sich in diesem Zusammenhang für eine differenzierte Migration von Anwendungslandschaften aus. „Dabei wird in einer Menge von Iterationen die Istlandschaft in die Solllandschaft überführt. Jede Iteration bearbeitet eine abgeschlossene Realisierungseinheit, die einzeln in Produktion geht. Das Resultat sind kurze, überschaubare und kalkulierbare Projektlaufzeiten mit zeitnahen Teilergebnissen und direkt spürbarem Nutzen“, so Böhm.
Im Fall der Generali Deutschland bestand das Problem in der Synchronisation der verschiedenen Eingangskanäle von Informationen über Anruf, E-Mail und Internet. „Unsere Lösung: Der Kunde selbst soll das über die Front-End-Applikation machen können, sozusagen als vierte Bearbeitungsart“, erklärte Herbert Voß, Gruppenleiter IT-Strategie/Architektur bei Generali Deutschland Informatik Services.
Serviceorientierte Architektur
Wenn der Kundenwunsch durch eine serviceorientierte Architektur (SOA) automatisiert erfasst wird, kann er schließlich auch automatisiert verarbeitet werden. „Das erfordert eine gut ausgeprägte IT- und Facharchitektur“, so Voß weiter, „zum einen müssen die Geschäftsprozesse gut geschnitten sein, zum anderem Redundanzen schnell gefunden werden können.“
Um via Internet generierte Kundenanfragen auch online beantworten und bearbeiten zu können, setzt HanseMerkur Versicherungen auf eine Portalstrategie im Vertrieb. Über die Umsetzung eines online betriebenen Vertriebsinformationsportales (VIP) referierte auf dem Messekongress der im Unternehmen zuständige Leiter des Vertriebscontrolling Godehard Laufköter. Mit VIP verfolgt die HanseMerkur das Ziel, Insellösungen einzelner Vertriebswege abzuschaffen und die heterogene Anwendungslandschaft zu vereinheitlichen. „Die zentrale Kernfrage war: Was kann ich für den Vertrieb tun? Wie kann ich ihn unterstützen, wertschöpfend zu arbeiten?“ Der Beginn der Umsetzung des Projektes liegt jetzt vier Jahre zurück. Heute weiß Laufköter: „Das Gesamtinvest für das Vertriebsinformationsportal liegt unter dem des Hardwareinvests. Das Vertriebsinformationsportal schafft durch die automatisierte Tarifberechnung vor Ort und die Abrufbarkeit von zentral gesicherten Daten in Echtzeit eine hohe Kompetenz am Point of Sales.“ Aktuell nutzen Vermittler dieses Portal über Lizenzen. Portlets sind in das System eingebunden und werden angesteuert.
Für den Vertrieb entsteht aktuell mit Synergy.Net ein Branchennetzwerk innerhalb der Versicherungswirtschaft. „Mit dieser Initiative werden die Systeme der Versicherer mit einem neuen, dezentralen Ansatz in die Anwendungen der Vermittler integriert und damit die Vertriebs- und Serviceprozesse optimiert sowie Zeit und Kosten eingespart“, erläuterte vor Ort Matthias Brauch, Leiter Anwendungsentwicklung, BISS GmbH. Synergy.Net – ein Projekt der Versicherungsforen Leipzig – ist als Verein konzipiert und basiert auf erprobten, querschnittlichen Komponenten, die quelloffen zur Verfügung stehen, gemeinschaftlich entwickelt werden und damit maximale Investitionssicherheit bieten. Durch den dezentralen Aufbau des Konzeptes bleiben die Daten und Prozesse auf den IT-Systemen des Anbieters und können genauso individuell gestaltet werden wie die zugehörigen Benutzeroberflächen.
Auch die Vertriebskanäle müssen sich den technischen Möglichkeiten anpassen. „Es ist nicht die Frage, ob Versicherer mobile Services anbieten, sondern wann! Planen Sie Ihre mobilen Services jetzt“, forderte Raphael Schulna – Leiter Consulting, adesso mobile solutions – die Zuhörer im Fachforum auf.
Großer Handlungsbedarf
Aktuelle Studien geben Schulna Recht: Die mobile Internetnutzung wird in etwa drei Jahren die stationäre Internetnutzung überholt haben. Versicherungsunternehmen müssen ihre digitalen IT-Prozesse durch Schnittstellen nach außen öffnen und „Strukturen schaffen, die eine schnelle, agile und flexible Entwicklung mobiler Services ermöglichen“, so Schulna weiter.
Ebenfalls in diesem Zusammenhang stellten zwei Experten der viadee Unternehmensberatung Smartphone- und iPad-Business-Anwendungen in der Versicherungswirtschaft vor. Hans-Jürgen Everding und Dr. Norman Lahme-Hütig präsentierten dabei aktuelle Ergebnisse von Umfragen. Danach interessieren sich Versicherungskunden vorrangig für Notruf-Apps (79 Prozent), Unfallhelfer-Apps (67 Prozent) und Pannenhelfer-Apps (61 Prozent). Das Schlusslicht stellt mit einer Quote von 15 Prozent die Vertragsabschluss-App dar. Eine von vielen Herausforderungen bei der Entwicklung mobiler Services in den Unternehmen ist deren Integration in die bestehenden IT-Prozesse. „Die Strategien und Services müssen den neuen Medien gerecht werden: Die pure Übertragung bestehender Konzepte ist nicht sinnvoll, sondern führt nur zu Schnellschüssen“, wurde schließlich festgestellt.
Über die Möglichkeiten von Parametrisierung in der Modellierung neuer Produkte sprach schließlich Jens Hillmer – Abteilungsleiter Produktmanagement bei intersoft. Mit der Object Oriented Insurance Architecture (OOIA) – einem spartenübergreifenden Produktsystem – können neue Produkte direkt am PC entwickelt, sofort in vorhandene Systeme eingebunden und während des gesamten Lebenszyklus gemanagt werden. „Die OOIA-Workbench verfügt über fertige, parametrisierbare Produktmodellvorlagen beziehungsweise einen umfangreichen Produktbausteinkasten“, erklärte Helga Böck – Management und DV-Beratung bei intersoft – das System bei einer Livedemonstration.