Trotz aller Contrapunkte rücken nutzungsbezogene Tarifmodelle zuletzt wieder verstärkt in den Fokus der Assekuranz. Unter anderem getrieben durch die europäische „E-Safety“-Initiative, an der wichtige Schlüsselindustrien beteiligt sind, gewinnt das Thema an Aktualität. Darüber hinaus forcieren die anhaltend hohe Wettbewerbsintensität in der Kfz-Versicherungsbranche sowie die offensive Positionierung der Fahrzeughersteller als umfassender Serviceanbieter den Bedarf an nachhaltigen Alleinstellungsmerkmalen. Konkret stellt sich für die Versicherer die Frage, ob Telematikanwendungen einen Beitrag zur Bewältigung dieser Herausforderungen darstellen.
Pilotprojekte in Frankreich
Im europäischen wie nichteuropäischen Ausland haben sich in den letzten Jahren einige PPU-Geschäftsmodelle etabliert, die nicht nur zur stärkeren Kundenbindung, sondern auch zu einer positiven Wachstumsentwicklung des jeweiligen Anbieters beitragen. Diese Konzepte sind allerdings nicht unmittelbar auf den deutschen Markt übertragbar. Der hiesige Kfz-Versicherungsmarkt ist von einer heterogenen Anbieterlandschaft und hohem Margendruck gekennzeichnet. Dagegen können beispielsweise in Frankreich bereits einige wenige Anbieter dominierende Volumenanteile auf sich vereinen.
Aktuell laufende Pilotprojekte bei der AXA und MAAF in Frankreich mit PPU-Tarifmodellen auf Basis der Steria-Lösung Kilometrix liefern allerdings wichtige Erfahrungen für deutsche Anbieter. Beide Versicherer sammeln Fahrdaten, um daraus neue Prämien- und Servicemodelle zu entwickeln.
Technisch werden hierfür über eine im Fahrzeug installierte Onboard-Unit Daten aufgezeichnet und an ein Data-Center übermittelt. Zu den gewonnenen Daten gehören unter anderem zurückgelegte Entfernungen, benutzte Straßen und Informationen zum spezifischen Fahrverhalten. Die Koordination der beteiligten Kooperationspartner – unter anderem Hardwarehersteller, Kommunikationsunternehmen und Werkstattverbünde – erfolgt durch Steria im Auftrag der Versicherer. Neben der Datenspeicherung und der Prozesskoordination werden die gewonnenen Daten hier auch nach den Bedürfnissen der Versicherer aufbereitet und ausgewertet. So besteht die Möglichkeit zur Ergänzung von Zusatzinformationen, wie zum Beispiel benutzten Straßentypen.
Die Vielzahl der ermittelten Informationen trägt dazu bei, versicherungsmathematische Modelle ergänzen und Versicherungsrisiken individueller berechnen zu können. Gleichzeitig ermöglichen die Daten die Entwicklung neuer Services über die klassischen Versicherungsangebote hinaus. Denn durch nachvollziehbare und erlebbare Zusatzfeatures, insbesondere im Bereich der Sicherheit, lässt sich die Kundenakzeptanz deutlich steigern.
Innovative Services
Beispiele für Zusatzservices sind ein automatisierter Notruf, selbstständige Mautbuchungen, gezielte Navigations- und Kommunikationshilfen, Fahr- und Verbrauchsstatistiken sowie Finanzierungsmöglichkeiten rund um das Thema Auto und Ökologie. Der Kfz-Versicherer erhält durch diese Serviceleistungen eine Vielzahl neuer Kommunikationsansätze mit seinem Versicherungsnehmer und kann folglich in der Kommunikationskette der „Fahrzeugnutzung“ aus dem Hintergrund treten. Die Technologie sichert somit den Kommunikationszugang zum Kunden. Gleichzeitig können Versicherer die niedrige Kundenloyalität im Kfz-Bereich positiv beeinflussen. Ein Plus an Leistungen bietet somit die Chance zur Mehrprämie, was die Profitabilität des PPU-Investments positiv beeinflusst.
Partnernetz bildet Basis
Das Angebot technischer Neuerungen, eingebettet in ein Paket von Zusatzservices, ist ein Konzept, das deutsche Versicherer künftig verstärkt angehen könnten. Damit sich PPU-Tarife tatsächlich durchsetzen, brauchen die Versicherer allerdings ein stimmiges, darauf ausgerichtetes strategisches Geschäftsmodell. Kernelement ist dabei der Aufbau von Organisationsstrukturen, die zusätzliche Kundenservices ermöglichen. Kooperationsvereinbarungen zwischen Versicherern und Fahrzeugzulieferern, aber auch mit Netzbetreibern, Technikproduzenten und Anbietern von Navigationshilfen, können das Geschäftsmodell Pay per Use vorantreiben.
Schadenmanagement veredeln
Ein naheliegendes Modell ist die Verknüpfung der PPU-Technologie mit den Funktionseinheiten des aktiven Schadenmanagements. Insbesondere zwei Gründe sind hierfür ausschlaggebend. Zum einen unterstützen die erzielbaren monetären Nutzenvorteile die Gesamtfinanzierung und zum anderen dient der technologiebasierte Ansatz der engeren Verzahnung der unterschiedlichen operativen Schadeneinheiten. Mit Hilfe der präzisen Informationserfassung können Anbieter Daten im Schadenfall dazu nutzen, den gesamten Regulierungsprozess noch gezielter zu managen.
Möglich ist beispielsweise die automatisierte Unfallmeldung über Fahrzeugsensoren an Polizei und Feuerwehr, Behörden sowie an den Versicherer selbst. Das Versicherungsunternehmen erfährt so fast in Echtzeit, dass ein Kunde einen Unfall mit seinem Fahrzeug hat. Schadenstellen können auf diese Weise bereits adäquate Werkstätten und Abschleppdienste informieren, ohne dass der Kunde selbst aktiv werden muss – mit der damit verbundenen positiven Wirkung auf die Anzahl steuerbarer Schadenfälle. Bei Personenschäden sind die Versicherer zudem in der Lage, ihre Kunden und Dritte zu unterstützen, indem sie den Transport ins Krankenhaus organisieren und so frühzeitig im Rahmen des aktiven Personenschadenmanagements handeln. Darüber hinaus sind Unfallverläufe mit Hilfe des Einsatzes automatischer Schadendossiers schneller und genauer rekonstruierbar. Zudem können die vorhandenen Daten in Regressfällen wichtige Informationsgeber sein.
Beim ökologischen Ansatz nutzt der Anbieter das wachsende Umweltbewusstsein und belohnt ein entsprechendes Verhalten. Die Versicherungsprämie richtet sich beispielsweise nach dem gemessenen CO2-Ausstoß, der Antriebsart, dem Beschleunigungs- und Bremsverhalten und der Nutzung ressourcenschonender Ersatzteile. Dieser Ansatz wird idealerweise durch eine Imagekampagne flankiert, in der sich der Versicherer als kompetenter Umweltpartner positioniert und entsprechende Produkte anbietet – Ökologie als Baustein zur Produktführerschaft. Eine nachfolgende Transformation in weitere Geschäftsfelder des Versicherers bietet die Chance zur Erschließung von Cross-Selling-Potenzialen.
Beim alternativen Effizienzansatz legt der Versicherer den Fokus auf die Optimierung des Schaden- und Kooperationsmanagements. Ziel ist es, den Schadenaufwand durch Nutzung der PPU-Technologie und der hierbei gewonnenen Daten zu reduzieren. Denkbar ist die Entwicklung unterschiedlicher Produktlinien für Neu- und Gebrauchtwagenkäufer mit implementierten Herstellernetzwerk- und Serviceangeboten, kundengruppenbezogenen Assistanceleistungen, zusätzlichen Sicherheitsfeatures sowie eine Variation der Selbstbehalte auf Basis des Diebstahltrackings. Flankierend hierzu kann der Versicherer seine Prozesse umbauen und Kooperationsaktivitäten auch in der vertrieblichen Wertschöpfung verstärken. Das Plus an Effizienz kann der Versicherer je nach Ausgestaltung des Business-Case anteilig an die Versicherten weitergeben oder vollständig zur Finanzierung der PPU-bedingten Investitionen nutzen.
Konzept muss passen
Die Herausforderung bei der Implementierung eines PPU-Ansatzes in der deutschen Kfz-Versicherung liegt darin, die Vielzahl der Gestaltungsmöglichkeiten auf die eigene strategische Unternehmensausrichtung abzustimmen. Vor dem Hintergrund der bislang gewonnenen Projekterfahrungen können jedoch bereits heute zwei der drei eingangs erwähnten Hauptkritikpunkte am Thema PPU entkräftet werden: Datenschutzrechtliche Bedenken lassen sich durch gezielte Vorkehrungen reduzieren und die Kundenakzeptanz lässt sich durch Kombination der PPU-Produkte mit sicherheitsorientierten Zusatzservices deutlich steigern.
Nur über die geschickte Kombination mit Zusatzservices lassen sich jedoch auch Mehrprämien erzielen und über eine enge Verzahnung mit strategischen Partnerschaften mittelfristig positive Ergebnisbeiträge erwarten. Im langfristigen Kampf um den Kfz-Kunden ist letztlich entscheidend, welcher Kfz-Versicherer die werthaltigeren Services und diese zu attraktiven Konditionen anbieten kann – und somit das Investment in einen Pay-per-Use-Ansatz als nachhaltiges Alleinstellungsmerkmal nutzt.
Autoren: Robert Hein, Andreas Behrens-
Ziegler und Thomas Horster (Steria Mummert
Consulting)