Mangelnde Erfahrung in der Praxis wird häufig als Argument gegen die Verwendung einer Standardimplementierung geführt. Im Umfeld der Brancheninitiative Prozessoptimierung (BiPRO e.V.), die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Kommunikation zwischen Maklern und Versicherungsunternehmen praxisnah zu standardisieren, kann diese Entschuldigung mittlerweile nicht mehr gelten. Schon die aktuellen Mitgliederzahlen lassen auf das Interesse der Branche an BiPRO-konformer Prozessabwicklung schließen. Von den Versicherungsunternehmen unter Aufsicht der BaFin (Stand: 12/2009; Quelle: BaFin) sind bereits 50 Mitglied im BiPRO e.V. Insgesamt zählen zum BiPRO e.V. mittlerweile 135 Mitglieder (Stand: 09/2010; Quelle: BiPRO) aus verschiedenen Bereichen der Versicherungswirtschaft. Die Hälfte aller Versicherungen innerhalb des BiPRO e.V. hat BiPRO-Projekte bereits umgesetzt oder befindet sich in der Implementierungsphase. Auch auf der Seite der Maklerverwaltungsprogramme genießt der BiPRO e.V. sehr breite Unterstützung. So verkündete BiPRO bereits im Jahr 2008 in einer Pressemitteilung, dass nahezu 58 Prozent der VEMA-Mitgliedsbetriebe ein System verwenden, das BiPRO unterstützt.
BiPRO: Standardisierte Kommunikation
BiPRO definiert gemeinschaftliche Projekte, um in ihrem Rahmen die Konventionen zu erarbeiten, die eine branchenweite Optimierung der Prozesse zwischen Versicherern, Vertriebspartnern und Dienstleistern ermöglichen. Die Zusammenarbeit der BiPRO-Mitglieder erstreckt sich von der Gestaltung der Konventionen für Datenaustausch und Prozesse bis hin zur kollektiven Nutzung von IT-Infrastrukturen. Das Ergebnis sind sogenannte BiPRO-Normpakete, die alle Normpapiere, alle fachlichen Prozess- und Datenmodelle, alle Datentypen in Form von Schlüsseltabellen, alle XML-Schemata inklusive der Serviceschnittstellen als WSDL- und XSD-Dateien sowie eine HTML-Dokumentation aller Module enthalten. Neue Normpakete werden regelmäßig verabschiedet. Unternehmen, welche bisher noch keinen Nutzen für eine serviceorientierte Architektur erkennen konnten, finden in den Normpaketen eine praxisbezogene Anleitung zum Aufbau einer solchen Architektur. Für Unternehmen mit einer bestehenden servicebasierten Systemarchitektur ist eine Einbindung der in den Normpaketen enthaltenen Servicebeschreibungen besonders einfach. BiPRO-Normen regeln die Kommunikation zwischen dem Versicherungsunternehmen (VU) und einem Partner wie etwa einem Vergleicher oder Makler. Im Kern handelt es sich also um eine Konvertierung von einem BiPRO-spezifischen Format in ein Format, das das bestehende VU-System versteht, und die Rückübersetzung zu einer Antwort im BiPRO-spezifischen Format. Einzelne BiPRO-Normen können neben oder über bestehenden Kommunikationswegen adaptiert werden. Die prozessuale Anwendung eines BiPRO-Standards würde exemplarisch wie in der Grafik gezeigt aussehen.
Umsetzung mit Hilfe von Drittanbietern
Zur Bewältigung der technischen Anforderungen der Norm greifen viele Unternehmen auf Hilfsmittel von Drittanbietern zurück. Im Gegensatz zu Eigenentwicklungen bedeutet die Einführung einer Standardsoftware für Versicherungsunternehmen einen erheblich niedrigeren Entwicklungs- und Investitionsaufwand. Vor allem aber werden die regelmäßigen Aktualisierungen und neuen Versionen der Norm von solchen Drittanbietern selbst getragen und den Versicherern in Form von Upgrades zur Verfügung gestellt.
Die IDEAL Lebensversicherung a.G ist diesen Weg gegangen. Starkes Wachstum in der Sparte der Sachversicherungen und im Vertriebskanal Banken und Sparkassen machten es erforderlich, die Kommunikation über die von BiPRO verabschiedeten Normen zu gestalten. Nach dem Versuch, diese in Form einer Eigenentwicklung umzusetzen, wurde bei der Planung zur Umsetzung der nächsten Normgeneration klar, dass die permanente Pflege der Dienste nicht von der IDEAL selbst getragen werden kann. Stattdessen entschied sie sich mit der inubit AG für einen Lösungsanbieter, der ihr die technische Umsetzung abnehmen kann. Mit dieser Entscheidung konnte die IDEAL Lebensversicherung eine Einsparung von 50 Prozent des Aufwands gegenüber einer eigenen Entwicklung BiPRO-relevanter Dienste erreichen.
Zertifikat bestätigt BiPRO-Konformität
Das hohe Maß an bedarfsgetriebener Entwicklung der BiPRO-Standards und die Erweiterbarkeit der BiPRO-Norm führten auch unweigerlich zu nicht BiPRO-konformen Entwicklungen in den verschiedenen Implementierungen. Aus diesem Grund wurde auf dem BiPRO-Tag im Frühjahr 2010 der Wunsch nach einer Zertifizierung der BiPRO-Konformität von Lösungsanbietern und Versicherungen seitens der Mitglieder deutlich.
Mit der Konformitätsprüfung der praktischen Projektumsetzung wurde bei der IDEAL Lebensversicherung die b-tix GmbH beauftragt. b-tix verfügt über umfassendes BiPRO-Know-how, setzt auf verschiedene Audits vor Ort und empfiehlt eine projektnahe Begleitung bei der Implementierung der Services, damit Probleme im Ansatz angegangen und Nachprüfungen vermieden werden können. So blickt die IDEAL heute auf eine erfolgreiche Umsetzung mit effektivem Mehrwert und eine bestandene Konformitätsprüfung zurück. Neben der Implementierung bei der IDEAL wurde auch der verwendete inubit BiPRO-Server geprüft, der ebenfalls das BiPRO-Prüfsiegel erhielt.
Spannende Entwicklungen
Aktuell arbeitet der BiPRO e.V. an der Verabschiedung weiterer Normen, wie zum Beispiel einem Listenservice, einer Technik für SSO (Single-Sign-on/einmalige Anmeldung) innerhalb von unterschiedlichen BiPRO-Diensten sowie einer Unterstützung der elektronischen Signatur im Rahmen der Einführung von Onlineanträgen.
Weitere Themen für die Entwicklung neuer Normen sind Provisionszahlungen und die Automatisierung des Zahlungsverkehrs. Dadurch werden in den kommenden Monaten die bestehenden Normen weiter gestärkt und der Geltungsbereich der BiPRO auch auf die Geschäftsvorfälle des Bestandes ausgeweitet. Mit der Erschließung der Bestandsprozesse greift BiPRO in das Herz der Versicherungen ein und wird sich so noch schneller verbreiten, da dort positive Skaleneffekte wesentlich deutlicher spürbar werden.
Fazit
Die Normen haben das Potenzial, sich als passgenaues Werkzeug für die sich immer weiter industrialisierende deutsche Assekuranz zu etablieren, da sie sich vor allem auf die wertschöpfenden Geschäftsprozesse fokussieren. Durch diese Verbesserung in der Wertschöpfungskette entsteht ein direkter Mehrwert für alle Protagonisten am Markt. Die wachsende Zahl an Implementierungen wird zukünftig Versicherungsunternehmen die Risikoeinschätzung einer Einführung der BiPRO-Normen erleichtern und für einen großen Anreiz für eigene BiPRO-Projekte sorgen.
Autor: Kai Wegner, inubit AG↓
„Der inubit BiPRO-Server hilft uns dabei, uns auf die Themen zu fokussieren, die zu unseren Kernaufgaben zählen: Die schnelle und flexible Integration von Vertriebsprozessen zwischen unseren Vertriebspartnern und uns. Mit dem inubit BiPRO-Server steht uns ein Werkzeug zur Verfügung, um BiPRO-Schnittstellen mit unseren internen Systemen zu integrieren, ohne uns in der Entwicklung auf alle Aspekte der sehr umfangreichen BiPRO-Normen konzentrieren zu müssen.“ Jörg Treiner, Leiter E-Commerce/Neue Medien, IDEAL Versicherungsgruppe