Professor Helten, Sie bezeichnen die „Prometheus Foundation“ als wichtigen Meilenstein. Was waren für Sie wichtige Entwicklungen der Assekuranz bis dorthin?
Prof. Dr. Helten: 1. Die europäische Deregulierung der Versicherungsbedingungen Mitte der 90er Jahre: Dadurch wurde das Produktangebot der Versicherungsunternehmen vergrößert, so dass die individuelle Risikosituation des einzelnen Versicherungsnehmers besser versichert werden kann. Die Folge war allerdings mehr Wettbewerb, aber auch mehr Intransparenz für die Verbraucher über das Versicherungsangebot.
2. Der europäische Richtlinienentwurf Solvency II zur Angemessenheit der Sicherheitskapitalausstattung von Versicherungsunternehmen. Er führte zu einem höheren Risikobewusstsein. Durch das erwartete höhere Eigenkapitalerfordernis vermutet man eine Reduktion der Anbieter.
3. Das veränderte Versicherungsvertragsgesetz: Es erhöhte die Anforderungen an die Versicherungsvermittler, insbesondere an die freien Vermittler, um den Verbraucherschutz zu verbessern. Man vermutet, dass die neuen Vorschriften die Anzahl der Makler, insbesondere der jungen Makler, zu Gunsten der wirtschaftlich vom Versicherer abhängigen Versicherungsvermittler reduziert.
4. Der empirische Nachweis durch die Finanzkrise, dass die Allfinanzstrategie als Geschäftsmodell ungeeignet ist: Zur Minderung des systemischen Risikos müssen Versicherungswirtschaft und Bankwirtschaft getrennte Wirtschaftsbereiche bleiben.
Vor welchen aktuellen Herausforderungen steht die Versicherungsbranche?
Prof. Dr. Helten: 1. Die trotz aller bisherigen Versuche nicht gelungene Verbesserung des Images der Versicherungswirtschaft.
2. Die Notwendigkeit, der Politik deutlich machen zu können, dass sowohl in der Krankenversicherung als auch in der Lebensversicherung mehr private Vorsorge notwendig ist, um die Probleme der Bevölkerungsentwicklung und Beschäftigung in den Griff zu bekommen.
3. Ein besseres Verständnis der Risiken der Aktivseite der Bilanz (Kapitalanlage) und der notwendigen Steuerung der Abhängigkeit der Aktivseite (Assets) von den versicherungstechnischen Risiken der Passivseite (Liabilities), also des Asset-Liability-Managements.
Wie will die „Prometheus Foundation“ die Versicherungsgesellschaften und Makler unterstützen?
Prof. Dr. Helten: Um den Maklerstand als selbstständigen vom Kunden beauftragten Versicherungsvermittler zu erhalten und um den Maklernachwuchs zu stärken, müssen die Verwaltungsarbeit des Maklers vereinfacht und die Qualität der notwendigen Informationsprozesse verbessert werden. Dies kann nur durch eine Standardisierung der Informationsprozesse zwischen den Maklern und allen Versicherungsunternehmen geschehen. Da sind sich alle vernünftigen Player einig. Die „Prometheus Foundation“ will diesen auf den BiPRO-Normen basierenden Standard realisieren lassen und als Open-Source-Software den Beteiligten zur Verfügung stellen. Diese konzipierte Plattform wird die elementaren Verwaltungsprozesse des Maklers und die zur Versicherungsberatung, zum Versicherungsabschluss und zur laufenden Betreuung der Versicherungsnehmer notwendigen Kommunikationsprozesse enthalten. Um die für den Makler beste Lösung seiner alltäglichen Aufgaben zu erhalten, arbeiten Makler und Versicherer gemeinsam und gleichberechtigt in den Gremien der „Prometheus Foundation“.
Wird die Versicherungswirtschaft die „Prometheus Foundation“ akzeptieren?
Prof. Dr. Helten: Die Aktivitäten gerade der letzten Wochen zeigen, dass die Versicherungsunternehmen aufgewacht sind und sich dem Problem der Standardisierung der Informationsprozesse stellen, nicht zuletzt, um das sehr verhalten wachsende klassische Versicherungsgeschäft wiederzubeleben. Man kennt die Abwärtsspirale des Neugeschäfts und das wachsende Storno bei sich verschlechternden Rahmenbedingungen nur zu genau. Deshalb müssen die Versicherungsunternehmen die strukturbedingten Kosten reduzieren, die Qualität der Kommunikationsprozesse verbessern, den Marktauftritt und das CRM dem Internetzeitalter anpassen. Die „Prometheus Foundation“ will die Interessen der Makler und Versicherer bündeln, um sie zum Wohl der Versicherungsnehmer einzusetzen. Dabei kann nicht nur eine Seite der alleinige Nutznießer sein. Das muss den Verbraucherschützern, den Versicherern und Maklern bewusst sein.
Das Interview führte Heidi Roider