Interview mit Dr. Milan Kalabic, Chefarzt

Burn-out – die Erfolgsbremse?

 
Heft 2/2010
 
Burn-out – die Erfolgsbremse?
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Wenn es in der Finanzwelt turbulent zugeht, wird von den Bankern noch mehr abverlangt alsohnehin schon. Da kann es manchem schon mal zu viel werden. Kommt es dann zum körperlichenZusammenbruch, spricht man von Burn-out – ausgebrannt. Das passiert häufiger, als man denkt.Glaubt man Medizinern, sind bis zu einem Viertel aller Banker betroffen. Aber was heißt eigentlich „ausgebrannt“ sein? Und: Kann man vorbeugen? geldinstitute wollte es wissen und fragte den Experten auf diesem Gebiet.

Burn-out – ist das nicht nur ein Modewort? Ist das wirklich eine Krankheit?

Dr. Milan Kalabic: Burn-out ist tatsächlich ein Modewort geworden, weil wir es in der Psychiatrie doch mit einem Phänomen zu tun haben, das nicht gleich mit „Schwäche“, sondern mit der überdurchschnittlichen Leistung assoziiert. Es gibt deswegen immer mehr psychisch angeschlagene Menschen, die sich das Burn-out selbst diagnostizieren, obwohl ihre psychischen Probleme anders einzuordnen sind. Sie erhoffen sich damit eine bessere Akzeptanz in ihrem beruflichen und privaten Umfeld. Unsere Leistungsgesellschaft hat den Druck auf uns Menschen massiv erhöht, was zu andauernden Stresssituationen oder negativem Stress und dessen Folgen bis hin zum Burn-out führt. Das Burn-out-Syndrom ist keine eigenständige Krankheit, sondern eine tiefe körperliche und geistige Erschöpfung, die gleichzeitig von Symptomen auf der emotionalen Ebene und sozialen Problemen begleitet wird, wie zum Beispiel chronische Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit oder Motivationsprobleme. Sozialer Rückzug sowohl privat als auch im Kollegenkreis sind dabei häufige Beleiterscheinungen.

Wie zeigt sich Burn-out? Gibt es Symptome?

Dr. Milan Kalabic: Unter Burn-out-Syndrom sind in der Fachliteratur über 150 verschiedene Symptome dokumentiert, wobei meines Erachtens kein einziges Symptom Burn-out-spezifisch ist. Burn-out ist in seiner Entwicklung spezifisch. Ein Burn-out entwickelt sich aus einer ganz normalen Lebenssituation, die wir Eustress oder positiven Stress nennen. Der Mensch kommt aus „Arbeitsfreude“ immer wieder in Arbeitsrauschsituationen und die täglichen Rauschzustände führen anschließend zur Entwicklung von Workaholismus. Ein Workaholismus definiert sich dadurch, dass der Mensch nicht mehr aus Freude, sondern aus Gefühlen der Angst oder Einsamkeit oder Zwanghaftigkeit getrieben wird, weiterhin auf einem hohen Leistungsniveau zu bleiben oder sogar ganz in die Arbeitswelt zu flüchten. Damit ist der Weg zur Burn-out-Entwicklung mit seinen individuell verschieden ausgeprägten Erschöpfungssymptomen programmiert.

Immer mehr Banken und Finanzdienstleister nehmen die Angebote Ihrer Klinik in Anspruch. Worauf führen Sie das zurück?

Dr. Milan Kalabic: Die Akzeptanz von externen Mitarbeiterberatungen nimmt zu. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass ein offener Umgang mit dieser Problematik also die aktive Stress- und Burn-out-Enttabuisierung die beste Vorsorge ist. Gleichzeitig ist es auch Ausdruck von Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern, wenn ihr Arbeitgeber sie nicht mit ihrem Leistungs- und Problemdruck allein lässt, sondern kompetente Fachberatung also Unterstützung anbietet.

Das Burn-out-Syndrom wird als ein Phänomen definiert, das mit hoher Leistung in Zusammenhang steht. Folglich lässt sich feststellen, dass hohe Stresssituationen und Burn-out-Gefährdung nur dort fehlen, wo nicht geleistet wird. Leider wird häufig ganz einseitig über die organisatorischen Probleme für die Entstehung von Burn-out geschrieben und gleichzeitig die persönliche Ebene, also die möglicherweise vorhandene Prädisposition der Mitarbeiter oder ihr individueller Umgang mit Erholung, kaum erwähnt.

Wie viel sind davon betroffen und warum vor allem auch im Finanzsektor?

Dr. Milan Kalabic: Die Burn-out-Entwicklung ist maßgeblich von unserer Lebenseinstellung beziehungsweise unserer Einstellung zur Arbeit oder Wichtigkeit der Leistung abhängig. Grundsätzlich gilt, dass alle Berufsgruppen inklusive Hausfrauen, die man oft vergisst, Burn-out-gefährdet sind, spielen doch die persönlichen Risikofaktoren meistens die Hauptrolle. Die allgemeine und anhaltende Stresszunahme bei den Menschen führt zu verschiedenen psychosomatischen Reaktionen oder körperlichen Symptomen, die sich als Ausdruck seelischen Ungleichgewichts auf der körperlichen Ebene präsentieren. Einige Betroffene entwickeln zum Beispiel ein sehr hohes Risiko für einen Herzinfarkt, Andere diverse körperliche Schmerzen, die Dritten zunehmend depressive Symptome.

Die Globalisierung des Kapitals führte dazu, dass die Bedürfnisse der Menschen nach Grenzenlosigkeit im positiven Sinne (Belohnungseffekt) bestätigt wurden, was aber gleichzeitig zu erhöhter Verwundbarkeit und Ängstlichkeit geführt hat. Hinzu kommt, dass das Ansehen der Banker durch die Finanzkrise massiv gelitten hat.

Was sind die Folgen dieser Erscheinung?

Dr. Milan Kalabic: Der Belohnungseffekt in der Hochkonjunkturzeit hat die Motivation der Mitarbeiter stets gesteigert und viele haben über Jahre an ihrem Limit geleistet. Die Bankenkrise löste gleichzeitig einige Probleme aus. Auf der persönlichen Ebene führte der äußere Druck zur Verstärkung der Ängstlichkeit. Die Arbeit ist plötzlich keine Herausforderung, sondern immer mehr eine Belastung geworden. Insbesondere dort, wo während der Krise die Mitarbeiterführung entweder nicht sichtbar oder durch Negativismus präsent ist, stehen die Mitarbeiter unter starkem Druck. Der Dominoeffekt der schlechten Stimmung von oben nach unten sowie die allgemeine Unsicherheit führen dazu, dass die Arbeit nur noch nach Vorschriften mit möglichst längerer Arbeitspräsenz (ja nicht auffällig sein) erledigt wird. Dabei verdrängt die Haltung von Fehlervermeidung Kreativität und Motivation.

Was kann man tun? Lässt sich vorbeugen?

Dr. Milan Kalabic: Ja, selbstverständlich! Genau das Thema Burn-out ist besonders geeignet, da es meist Jahre zur Entwicklung eines Vollbildes Burn-out braucht. Und wenn dann eines eintritt, dauert es mehrere Wochen, wenn nicht Monate, bis die Betroffenen wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Allein diese Tatsache zeigt auf, dass hier mit relativ bescheidenen Investitionen eine Menge Leid und Geld gespart werden kann, nicht nur im Sinne vermeidbarer Krankheitsabsenzen, sondern auch mit dem Ziel, gesunde, motivierte Mitarbeiter mit hohem Leistungsniveau zu erhalten und damit an das Unternehmen zu binden.

Wie schon erwähnt, liegen die weitaus größeren Risikofaktoren bei der persönlichen Einstellung zur Arbeit und zum Leben generell, weniger am Arbeitsplatz selbst. Diese Tatsache erleichtert vielen Arbeitgebern aktiv die Themen Burn-out und Stress anzugehen und sie in ihr Angebot interner Weiterbildung aufzunehmen. Nach unserer Erfahrung ist die Prävention dann sinnvoll und ehrlich, wenn sie sowohl auf der persönlichen wie auch auf der organisatorischen Ebene stattfindet.

Wie funktioniert das konkret?

Dr. Milan Kalabic: Zur Sensibilisierung und Enttabuisierung steht immer ein Inputreferat, basierend auf unserer jahrzehntelangen therapeutischen Erfahrung im Umgang mit Burn-out-Patienten. Darin sind mit Entwicklung, Symptomen, Verhaltensmerkmalen bis hin zur Prävention schon sehr viele Informationen enthalten. In einem Workshop für Führungskräfte sensibilisieren wir vertiefend mit einem authentischen Fallbeispiel aus der jeweiligen Branche, selbstverständlich anonymisiert. Nebst Umgang mit Burn-out-Gefährdeten und Burn-out-betroffenen Mitarbeitern wird auch gesundheitsförderndes Führungsverhalten als Vorbildfunktion thematisiert. In einer mehrseitigen Dokumentation erkennen die Teilnehmenden das eigene, persönliche Profil ihrer Life-Domain-Balance. Sie erhalten eine Liste von Früherkennungsmerkmalen, lernen die „do’s and don’ts“ des Vorgesetzten sowie die Signale von Unter- oder Überforderung mit den entsprechenden Erholungsmöglichkeiten kennen.

Welche Zeiträume muss man rechnen?

Dr. Milan Kalabic: Ein Vortrag dauert eineinhalb bis zwei Stunden, ein Workshop einen halben oder einen ganzen Tag, je nachdem, welche Bedürfnisse abgedeckt werden. Um die vielzitierte Nachhaltigkeit zu gewährleisten ist es allerdings notwendig, dass die Gesundheitsförderung von top down getragen wird, und dass sie in irgendeiner Form im Unternehmen institutionalisiert wird. Regelmässige verschiedene Vorträge und Workshops, die innerhalb zwei, drei Jahren der Stärkung des Individuums bei gleichzeitiger Förderung der Teamzugehörigkeit gewidmet sind, eignen sich, das Ziel der Nachhaltigkeit zu erreichen.

Was bieten Sie ganz speziell an Maßnahmen?

Dr. Milan Kalabic: Unsere Philosophie von Gesundheitsförderung basiert auf dem salutogenetischen Modell, das der Frage nachgeht „Was erhält den Menschen gesund?“ Wir unterstützen damit die Stärken, zeigen, wie sich Ressourcen finden lassen und wie man über längere Zeit leistungsstark und gesund bleiben kann. Getreu diesem Motto bieten wir eine Burnout-Prävention an, die von der Unternehmerseite positiv bewertet wird.

Weder die organisatorische noch die persönliche Ebene dürfen überwertet oder bagatellisiert werden, obwohl die Verantwortung der Gesundheit grundsätzlich bei jedem Einzelnen liegt.

Wie unterscheiden Sie sich dadurch von anderen Instituten ?

Dr. Milan Kalabic: Das zu beurteilen bin ich nicht in der Lage, aber ich kann Ihnen sagen, welche Kriterien für uns vorrangig sind: Wir sind keine Schulmeister, wir begegnen unseren Veranstaltungsteilnehmern auf der gleichen Augenhöhe.

Wir nutzen das vorhandene Potenzial und erarbeiten mit ihnen mögliche Alternativen, statt mit fertigen Lösungen zu kommen. Aufgrund unserer täglichen Arbeit mit Betroffenen wissen wir, was funktioniert und was nicht. Auch wenn wir als Klinik Gesundheitsförderung anbieten, so wirken wir doch nie „psychiatrisierend“ oder medizinlastig, wir haben aber den Vorteil die Praxis zu kennen, wie sie wirklich ist. Zudem sind wir auch nach einem Vortrag oder einem Workshop für unsere Partner da.

Was kann man sonst noch tun?

Dr. Milan Kalabic: Lachen Sie mehr über sich selbst als über andere, besuchen Sie Ihre Freunde, statt Witze per E-Mail zu versenden, nehmen Sie sich genügend Zeit für sich selbst und bleiben Sie authentisch. Nehmen Sie die Erholung ernst, nach jeder Belastung, sei sie körperlich, psychisch oder mental, müssen Sie sich entsprechend erholen.

Zur Person: Dr. med. FMH Milan Kalabic

 

Zur Person: Dr. med. FMH Milan Kalabic
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Dr. Milan Kalabic ist Chefarzt der Klinik für psychosomatische Rehabilitation in Teufen (Schweiz).

Bild:
Klinik Teufen

Dr. med. FMH (Psychiatrie) Milan Kalabic,

Teufen

▷Medizinstudium in Sarajevo und
psychiatrische Ausbildung in den
Kantonalen (Schweiz)

▷psychiatrische Kliniken Wil und Herisau

▷1996 bis 2006 stellvertretender
Chefarzt der Klinik Gais

▷Spezialisierung auf stationäre und
ambulante Behandlung von Burn-out-
Fällen

▷seit 2007 Chefarzt der Klinik Teufen. Mit-
glied im Kuratorium SWISS-BURN-OUT, der Schweizer Dialogplattform für Gesundheitsfachleute, Organisationen und Interessierte.


Kontakt: Klinik für ambulante psychosomatische Rehabilitation

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