Statt großer monolithischer Softwarekomponenten bestehen serviceorientierte Strukturen aus einer Vielzahl kleiner gekapselter Module (Services), die zu Geschäftsprozessen zusammenfügt (Orchestrierung) und parametrisiert werden können. Wegen des dynamischen Umfelds, in dem sich Versicherungsunternehmen befinden, muss die IT der Anforderung gerecht werden, sich ständig verändernde betriebswirtschaftliche Geschäftsprozesse entsprechend abbilden zu können. Mittels Orchestrierung und Parametrisierung können diese Änderungen bei serviceorientierten Architekturen mit wenig Aufwand nachgezogen werden.
Die Services können sich im lokalen Rechenzentrum des Versicherers befinden, wobei einzelne Services zusätzlich als Webservices über das Internet aufgerufen werden können. Im Rahmen von Software as a Service kann die SOA-Landschaft jedoch auch komplett extern betrieben und über das Internet aufgerufen werden.
Wie bei klassischer Software, die aus großen monolithischen Bausteinen besteht, müssen Versicherungsunternehmen auch im Rahmen von SOA abwägen, ob sie Individual- oder Standardsoftware einsetzen möchten, das heißt, ob sie die Services als Individualservices selbst entwickeln (lassen) oder ob eine fertige Lösung bestehend aus Standardservices eingeführt wird.
Die Vision einer von vielen Versicherern unterstützten Standardsoftware auf Basis einer serviceorientierten Architektur „standardSOA for Insurance“ stellt, sofern sie konsequent verfolgt wird, eine attraktive Antwort auf diese Frage dar. Einzelne Services der Softwarelandschaft können dabei zusätzlich durch kompatibel entwickelte Individualservices ausgetauscht werden, um einen zusätzlichen Differenzierungsbedarf der Versicherer individuell und flexibel zu berücksichtigen. Um „das Rad nicht jedes mal neu erfinden zu müssen“ und somit Kosten zu sparen, einigen sich die Versicherer hierbei auf eine gemeinsame Standardsoftware.
Umfrage zu SOA
Eine Umfrage zum Thema SOA in den IT-Abteilungen 20 deutscher Versicherungsunternehmen ergab, dass der historisch bedingte hohe Anteil an Individualsoftware auch heute noch dominiert. Darüber hinaus werden auch im Rahmen von SOA aus mehreren Gründen Individualservices derzeit favorisiert. Dies bringt gegenüber einer „standardSOA for Insurance“ jedoch diverse Nachteile mit sich, wobei der Kostenaspekt im Vordergrund steht: So müssen die Entwicklungskosten von einem Kunden allein getragen werden, was zwangsläufig zu Einsparungen vor allem im Bereich der Qualität und Dokumentation von Modifikationen führt. Dies hat wiederum hohe Wartungskosten zur Folge.
Am Ende der Lebensdauer kommen die Migrationskosten hinzu, die gerade bei den hohen Altdatenbeständen der Versicherungsbranche nicht zu vernachlässigen sind (Stichwort „Master Data Management“). All dies führt zu einem über die Jahre exponenziell steigenden Total Cost of Ownership (TCO) und zu einer ständig abnehmenden Flexibilität.
Dennoch hat Individualsoftware ihre Berechtigung, und zwar genau in den Bereichen, in denen der Standard keine ausreichende Individualisierung zur strategisch unerlässlichen Differenzierung bietet. Dies sind vor allem die kundennahen Bereiche wie Produktentwicklung, Vertrieb und die Leistungs- und Schadenabwicklung. Indem sich beide „Kontrahenten“ ergänzen, wird folglich das eigentliche Ziel erreicht, nämlich die optimale Unterstützung betriebswirtschaftlicher Prozesse.
Gegenüber einer herkömmlichen integrierten Standardsoftware bietet „standardSOA for Insurance“ eine Reihe von Vorteilen: Hervorzuheben ist die dynamische Adaptions- und Modulaustauschfähigeit auf granularer Ebene. Anders als bei EAI-Ansätzen (Enterprise Application Integration) ist die Flexibilität von Anfang an eingeplant, was unerwünschte und unerwartete Auswirkungen einer Modifikation auf andere Bereiche der Software schon bei der Entwicklung verhindert. Dies ermöglicht zum Beispiel den problemlosen Austausch einzelner Prozesse oder Funktionen im Rahmen von Business Process Management. Darüber hinaus wird die Datenkonsistenz bei Asynchronentwicklung sichergestellt, was ebenfalls die Flexibilität erhöht.
Semantische Standards
Die geforderte Flexibilität – auch über Grenzen der Versicherungsbranche hinaus – lässt sich nur durch strikt eingehaltene technsiche und fachliche Standards erzielen. Gerade Letzteres bereitet jedoch noch große Probleme, da es an branchenweiten – idealerweise branchenübergreifenden – semantischen Standards mangelt. SOA ist entgegen der Meinung einiger Experten nicht wie Lego. Es genügt nicht, wenn einzelne Bausteine technisch zusammenpassen. Denn bei rein technischer Kompatibilität der einzelnen Services können Fragen nach der Struktur und Bedeutung (Semantik) von Daten ohne inhaltliche Abstimmung alles andere als systemübergreifend einheitlich beantwortet werden. Weiterverarbeitung und integrierte maschinelle Auswertungen sind dann, wenn überhaupt, nur mit hohem Aufwand möglich. Semantische Standards können nur dann geschaffen werden, wenn die Versicherungsbranche kooperative Ansätze stärker als bisher verfolgt.
In Deutschland haben einige Initiativen und Produkte aus dem Erst- und Rückversicherungsumfeld diesen Weg bereits eingeschlagen: BiPRO e.V., ACORD, GDV eNorm, SAP for Insurance, FJA Life Factory, Oracle AIA etc. Ein Beispiel aus dem Ausland ist das japanische Life Insurance Network Center (LINC), das die Standardisierung über gemeinsames Outsourcing mit anderen Versicherungsunternehmen gewährleistet. Das branchenunabhängige Produkt für mittelständische Unternehmen SAP Business ByDesign kann als Vorreiter eines standardisierten SOA-Konzepts angesehen werden.
Um die Vison einer „standardSOA for
Insurance“ umzusetzen, mangelt es jedoch nach wie vor daran, dass sich viele Versicherer Initiativen zur Standardisierung zwar angeschlossen haben, diesen Weg aber aus verschiedenen Gründen noch nicht überzeugt verfolgen. Es handelt sich bei SOA in der Versicherungsbranche noch immer um eine eher IT-getriebene Diskussion; Standardisierung von fachlichen Services findet nach wie vor zu wenig statt.
Es gibt viele individuelle SOA-Initiativen, von denen einige erheblichen betriebswirtschaftlichen Nutzen generiert haben. Um jedoch eine möglichst hohe Flexibilität der SOA-Landschaft zu gewährleisten, muss bei der Entwicklung eine hohe Komplexität in Kauf genommen werden, die zudem mit hohen Kosten verbunden ist. Daher kann langfristig nur eine gemeinsam mit Wettbewerbern und Softwareherstellern entwickelte Branchenlösung eine ideale SOA-Landschaft gewährleisten: Die angestrebten vielfachen betriebswirtschaftlich sinnvollen Orchestrierungs- und Parametrisierungsmöglichkeiten werden integriert bereitgestellt. Nur gemeinsam ist die Vielfalt an Services zu erreichen, die letztendlich die zu Recht geforderte Individualisierung mit dem Ziel der Differenzierung von den Wettbewerbern sicherstellen wird. Auf diese Weise kann die IT den fachlichen Anforderungen dynamisch folgen und sich somit zu einem sehr bedeutenden strategischen Instrument der Versicherungsunternehmen entwickeln. Die hier dargestellte Vision kann nur ein langfristiges Ziel sein. Mittelfristig muss sich die vorhandene Software noch über Jahre amortisieren. Diese Zeit sollte genutzt werden, eine SOA-Standardsoftware für die Versicherungsbranche zu realisieren. Jetzt ist für die Versicherer der richtige Zeitpunkt, sich zusammenzufinden und entsprechende Zukunftsvisionen zu gestalten. Je größer die Gruppe der beteiligten Versicherer sein wird, desto größer wird der strategische Wettbewerbsvorteil gegenüber der restlichen Branche sein. Insbesondere gegenüber den Anbietern anderer Anlageformen, mit denen sich Versicherer im Zuge des Allfinanzgedankens in zunehmendem Maße messen müssen, kann die Versicherungswirtschaft einen strategischen Wettbewerbsvorteil erzielen. Gerade die aktuell schwierige Marktsituation macht letztendlich deutlich, dass man sich einen hohen Total Cost of Ownership in Verbindung mit mangelnder Flexibilität in Zukunft nicht mehr leisten können wird.