Die Agilität ist die Anpassungsfähigkeit eigener Geschäftsmodelle, um „Time to Market“ zu verkürzen. Sie impliziert die Fähigkeit, zeitgerecht und zielorientiert neue Chancen aktiv zu ergreifen sowie auf erkennbare Gefährdung zu reagieren. Außerdem werden Marktänderungen einbezogen und Kundenanforderungen zeitgerecht erfüllt. Geschäftsregeln definieren Zustände, die nicht eintreffen dürfen, um den fachlich korrekten Ablauf der Geschäftsprozesse zu gewährleisten. Mit diesen Fähigkeiten behauptet jedes Unternehmen seine Marktposition in der Dynamik der Weltwirtschaft.
Rolle einer Geschäftsregel
Geschäftsregeln sind fachliche und funktionale Anforderungen, die in der Sprache des Anwendungsgebiets formuliert sind. Ein Anwendungsgebiet ist beispielsweise der Forderungsprozess (Prüfung der Abrechnungsdaten für die Erstattung ärztlicher Leistungen) oder der Schadenprozess (Prüfung der Meldungsdaten für den Schadenprozess).
Generell werden die Geschäftsregeln im Geschäftsprozess (Verarbeitung) verstreut. Es werden nicht nur die strukturdefinierenden Geschäftsregeln (Welche Versicherungsdeckung muss in einer Versicherungslösung immer vorhanden sein?) und die ablaufdefinierenden Geschäftsregeln (Welche Deckung soll zur Gewährung eines Rabattes führen?) in der Verarbeitung des Geschäftsprozesses verteilt, sondern auch die Regeln, die in den Leistungsvereinbarungen (etwa Verträgen) enthalten sind (siehe Grafik „Struktur eines Geschäftsprozesses“), obwohl diese Leistungsvereinbarungen sich wegen gesetzlicher Vorgaben ständig ändern und dadurch die Agilität eines Unternehmens erheblich beeinflussen. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen (VVG-Reform, Solvency II, Gesundheitsreform) beeinflussen die Leistungsvereinbarungen zwischen Lieferant (Leistungserbringer) und Abnehmer (Krankenkasse oder Versicherer im Allgemeinen).
Da diese Rahmenbedingungen sich ständig ändern, muss eine neue Rolle der Geschäftsregeln in der Prozesslandschaft eines agilen Unternehmens gefunden werden, um Geschäftsmodelle anzupassen und somit die Marktposition beizubehalten oder zu verbessern.
Die Beschreibung eines Prozesses als eine Folge von logisch abhängigen Geschäftsregeln löst das Problem nicht. Dadurch schafft man Redundanzen und gerät in das Wartungsproblem, redundant modellierte Regeln konsistent zu halten.
Das feste Kodieren von Geschäftsregeln verschärft nur den Zustand. Es verhindert die Realisierung eines agilen Unternehmens: Hier bedeutet die Anpassung eines Geschäftsmodells, neue Geschäftsregeln zu implementieren und zu testen (funktional, fachlich und Performance).
Generell liegt die Herausforderung bei der Definition einer Rolle für die Geschäftsregeln innerhalb einer Prozesslandschaft eines agilen Unternehmens.
Agile Geschäftsprozesse, die Geschäftsregeln integrieren, werden hierfür benötigt.
Agile Geschäftsprozesse
Um unter den heutigen sich schnell ändernden Rahmenbedingungen, die die Leistungsvereinbarungen beeinflussen, erfolgreich zu sein und auch zu bleiben, müssen Geschäftsprozesse möglichst flexibel, beispielsweise an die geänderten gesetzlichen Vorschriften, angepasst werden. Diese Anpassungen ändern generell die Kernverarbeitung eines Geschäftsprozesses nicht.
Die Anpassungen erfordern aber eine andere Struktur eines Geschäftsprozesses, in der die Prüfung der Leistungsvereinbarung der Kernverarbeitung vorangestellt wird. Damit werden unzulässige Lieferungen gemäß Leistungsvereinbarung vor der Kernverarbeitung erkannt. Das nennt sich „strukturdefinierende Geschäftsregeln“. Während der Kernverarbeitung können Aktivitäten ablaufdefinierende Geschäftsregeln prüfen. Beispielsweise kann die Aktivierung einer Deckung zur Gewährung eines Rabattes führen, was gleichzeitig das Andrucken eines entsprechenden Textbausteines auf der Rechnung auslöst.
Die Grafik „Integration von Geschäftsregeln“ zeigt die neue Struktur eines Geschäftsprozesses mit der Interaktion von Geschäftsregeln. Die Herausforderung bleibt das Modellieren und die Verwaltung der Geschäftsregeln.
Da die Kollaboration zwischen Fachabteilung und IT eine Grundvoraussetzung eines agilen Unternehmens ist, wird das Zusammenspiel zwischen den beiden Bereichen bei der Anpassung von Geschäftsmodellen vorgestellt.
Hier geht es in der Tat um die Verwaltung von Geschäftsregeln und dabei um die Rolle einzelner Bereiche.
Verwaltung von Geschäftsregeln
Das Verwalten von Geschäftsregeln ist mehr als der Einsatz eines Regelwerks (häufig als Regelengine oder Interferenzmaschine genannt; siehe Grafik „Verwaltung/Geschäftsregeln“). Es umfasst ein „Repository“, das auf einem Geschäftsregelmodell basiert. Das Modell unterstützt die Versionierung, Nachvollziehbarkeit und Wiederverwendung. Das Zusammenspiel zwischen Fachabteilung und IT ist essenziell. Die Fachabteilung muss in die Lage versetzt werden, Geschäftsregeln aus den Leistungsvereinbarungen zu extrahieren und als Vorgabe zum Entwurf von Geschäftsregeln für die Regeldesigner zu formulieren. Zu diesem Zweck ist ein Werkzeug zum Erfassen und Ändern von Geschäftsregeln unerlässlich: der Regeleditor.
Die Fachabteilung entscheidet über die Freigabe einzelner Geschäftsregeln. Diese Entscheidung soll im Rahmen eines „Deployment“-Prozesses eingebettet sein. Der Prozess wird durch IT unterstützt. Nur die freigegebenen Geschäftsregeln können über das Regelwerk gegen Referenzdaten eines Anwendungsgebiets automatisch geprüft werden. Die Überwachung und die Interpretation der Prüfergebnisse werden von IT und Fachabteilung durchgeführt.
Die Ausführungsreihenfolge einzelner Geschäftsregeln muss beim Entwurf der Regeln kontextabhängig festgelegt werden. Hierdurch ergibt sich eine weitere Herausforderung bei der Modellierung von Geschäftsregeln. Die Prüfergebnisse müssen wiederum von der Fachabteilung ausgewertet werden oder die Reaktion auf ein positives oder negatives Prüfergebnis muss kontextabhängig beim Entwurf festgelegt sein.
Aus dem Zusammenarbeiten zwischen Fachabteilung und IT ergibt sich folgende Verantwortlichkeit:
▷Fachabteilung: Geschäftsregeln definieren.
▷IT: Architektur und Infrastruktur festlegen.
▷Fachabteilung: Vorgabe für den Entwurf von Geschäftsregeln festlegen.
▷IT: Geschäftsregelmodell definieren.
▷Fachabteilung: Testen.
▷IT: Deployment-Prozess definieren.
▷Fachabteilung: Lastmix-Modell für Last- und Performance-Test definieren.
▷IT: Last- und Performance-Test auf Basis des Lastmix-Modells durchführen.
▷Fachabteilung: Dokumentieren.
▷IT: Optimierung des Modells auf Basis der Ergebnisse des Performance-Tests.
Geschäftsregelmodell
Geschäftsregeln definieren Zustände, die nicht eintreffen dürfen, um den fachlich korrekten Ablauf der Geschäftsprozesse zu gewährleisten. Deswegen enthält die Definition einer Regel die Behandlung von Ausnahmen, die im Fehlerfall ausgelöst wird. Zum Beispiel wird eine rote Ampel protokolliert, wenn das Ergebnis der Geschäftsregel als „falsch“ ausgewertet wird. Die rote Ampel signalisiert eine fachliche Anomalie.
Generell hat das Ergebnis einer Auswertung einer Geschäftsregel den Wert „WAHR“ oder „FALSCH“. Basierend auf diesem Wert folgt die Ausnahmebehandlung, die während der Modellierung festgelegt wird. Eine Ausnahmebehandlung kann eine Protokollierung eines Fehlers oder einer Änderung der Ablaufsteuerung in der Anwendung zur Folge haben.
Ausnahmebehandlungen können beliebig erweitert werden. Alle Ausnahmebehandlungen, die einer Geschäftsregel (Regel) zugeordnet sind, werden der Reihe nach ausgeführt (UND-Modus). Die Grafik „Regeln“ zeigt die Abhängigkeit zwischen Regel, Ausnahmebehandlung und Prüfergebnis. Regeln können in einer Menge gebündelt werden, um später als Ganzes wiederverwendet zu werden. In der Konsequenz werden Regeln nur in einem Bündel einem Kontext (zum Beispiel Geschäftsprozess wie Schadenprozess, Forderungsprozess oder Vertrag) zugeordnet. Im Bündel ist für jede Regel die Ausführungsfolge festgehalten (siehe Grafik „Bündel“).
Eine Geschäftsregel wird über eine oder mehrere Prüfarten implementiert. Jede Prüfart legt fest, wie eine Geschäftsregel durchgeführt beziehungsweise implementiert wird. Ohne Beschränkung der Allgemeingültigkeit betrachten wir folgende Beispiele von Geschäftsregeln:
▷Der Versicherungstarif ist für dieses Versicherungsjahr gültig.
▷Wenn die Deckung X versichert ist, dann muss die Deckung Y eingeschlossen sein.
▷Der Vermittler des Versicherungsnehmers hat im letzten Jahr Provision für den Vertrag Z erhalten.
▷Der aktuelle Betreuer ist der Vermittler der Kunden.
▷Der Versicherungsnehmer hat in den letzten zwei Jahren mindestens einen Schaden zum Vertrag XY gemeldet.
Aus diesen Beispielen erkennt man folgende Typen von Prüfarten:
▷Existenz-Prüfart: Existenz eines Tarifs für ein bestimmtes Jahr.
▷Bedingte Prüfart (IF-THEN): Existenz einer Deckung X im Vertrag, daraus folgt die Existenz eine Deckung Y. Der Auslöser ist hier eine Prüfart (Existenz). Die zu prüfende Aktion ist auch eine Prüfart. Hier handelt es sich um eine nicht elementare Prüfart. Diese Prüfart wird hier als eine „Klammer-Prüfart“ bezeichnet.
Jede elementare Prüfart besteht aus einem oder mehreren Prüfparametern und/oder einem oder mehreren Prüfkriterien. Jeder Prüfparameter verweist auf Daten, gegen die er geprüft wird. Gemäß Grafik „Prüfart“ werden die Prüfparameter gegen:
▷Referenzdaten, die beispielsweise in Tabellenfelder (Tabellen mit Tarifschlüssel oder Berufskennzeichen) abgelegt sind;
▷Variable, die zur Laufzeit durch das Anwendungsgebiet ermittelt werden (aktuelle Betreuer eines Versicherungsnehmers);
▷Konstante, die zur Spezifikationszeit festgelegt werden (1 => Frau; 0 => Herr).
Der Auslöser einer nichtelementaren Prüfart besteht aus einer oder mehreren elementaren Prüfarten. Die zu prüfende Aktion besteht auch aus einer oder mehreren elementaren Prüfarten.
Die Aktion darf nur geprüft werden, wenn alle Prüfarten im Auslöser gegen den Wert „WAHR“ ausgewertet sind.
Merkmale des Modells für die Geschäftsregeln
▷Die Ausnahmenbehandlung einer Geschäftsregel (siehe Grafik „Regeln“) kann für jedes Anwendungsgebiet neu definiert werden.
▷Der Kontext, in dem die Auswertung von Geschäftsregeln durchgeführt wird, kann auch für jedes Anwendungsgebiet neu definiert werden (siehe Grafik „Bündel“).
▷Alle fehlenden Prüfarten werden als Spezialisierungen der abstrakten Klasse „Elementare Prüfart“ implementiert (siehe Grafik „Prüfart“).
Alle restlichen Konstrukte des Modells sind ausreichend, um neue Geschäftsregeln zu spezifizieren bzw. bestehende Geschäftsregeln zu ändern oder um eine Anpassung des Geschäftsmodells umzusetzen.
Fazit
Agilität bedeutet die Flexibilität, Strategieänderungen unverzüglich umzusetzen (Time to Market), damit ein Unternehmen jederzeit Marktänderungen folgen und Kundenanforderungen erfüllen kann. Somit wird ein kontinuierliches und proaktives Anpassen des Geschäftsmodells an die Marktdynamik sichergestellt. Eine Anpassung des Geschäftsmodells ist im Allgemeinen mit Veränderungen in der Geschäftslogik verbunden. Veränderungen von Geschäftslogik implizieren immer Veränderungen der Geschäftsregeln.
Die Fähigkeit, diese Änderungen schnell und konsistent in den Anwendungsgebieten (Informationssystemen) zu implementieren, ist ein kritischer Erfolgsfaktor nicht nur im E-Business.
Das hier vorgestellte Modell ermöglicht eine schnellere und konsistente Änderung von Geschäftsregeln in den Anwendungsgebieten und somit die Sicherstellung eines agilen Unternehmens. Geschäftsregeln werden nicht in die Geschäftsprozesse verstreut. Man läuft nicht in das Wartungsproblem, redundant modellierte Regeln, die durch die Marktdynamik oder Gesetzesänderung sich noch schneller als Prozesse ändern, konsistent zu halten.